arbeiten im Corona-Modus, 9. Woche: alle Fußballer sind gleich; manche sind gleicher als gleich.

Jörg Backes ist Leiter des Kinder- und Jugendhauses Immenweg, einer Einrichtung des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.. Jörg lebt für seinen Beruf. Das klingt pathetisch, ist aber so. Wer ihn kennt wird das bestätigen. Und wenn es um seine Kids geht, nimmt er kein Blatt vor dem Mund. Schon gar nicht, wenn das ganze auch noch mit Fußball zu tun hat. 

Was ist passiert? Am Samstag hat die Bundesliga ihren Betrieb wieder aufgenommen. Ohne Zuschauer im Stadion – sogenannte „Geisterspiele“. Diese Format wurde möglich, weil die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ein Hygienekonzept vorgelegt hat, das sicherstellen soll, dass sich im und im Umfeld des Spielbetriebes niemand mit dem Corona-Virus infiziert. Davon kann man halten was man möchte. Ich selbst – bekennender Hertha-Fan und Mitglied des Vereins – habe dazu immer noch keine Meinung. Was ich aber sehr gut verstehen kann, ist die Verärgerung von Kinder, und Jugendlichen, ihren Eltern, von Sportvereinen und Jugendeinrichtungen, dass die Profis zwar kicken, die Kids aber nicht spielen dürfen – wegen der hohen Infektionsgefahr.

„ein weiteres Tor und die lecken sich gegenseitig den Rachen aus“

Wer das gestrige Spiel unserer Hertha gesehen hat, war am Ende relativ ratlos, mindestens aber irritiert. Ein paar Tage nach dem peinlichen Video aus der Kabine zeigen die Spieler am Samstag in Hoffenheim ein weiteres Mal, wie ignorant und arrogant man sein kann: Nach jedem der drei Tore lagen sich sich – entgegen der Empfehlungen aus dem Hygienekonzept der DFL. – in den Armen, drücken sich, küssen sich….. Ein böser Kommentator bei Twitter schrieb: „ein weiteres Tor und die lecken sich gegenseitig den Rachen aus.“  Das war wirklich das allerletzte, das war richtig schlecht. Nicht nur wegen der Infektionsgefahr. Dazu ist alles gesagt (auch in Hinblick auf die Körperkontakte bei Zweikämpfen und Ecken etc.). Was wirklich gar nicht geht, ist die Botschaft, die da an die Kids nach draussen geht: „Für uns gelten andere Regeln als für Euch – und wir machen,. was wir wollen … was interessieren uns Eure Beschränkungen?“

Mein Kollege Jörg Backes hat dazu einen sehr bissigen Post auf Facebook veröffentlicht, den ich hier sehr gerne und  ungekürzt dokumentiere.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass irgendein Fussballprofi diesen Beitrag liest, hoffe ich doch sehr, dass die Botschaft irgendwie bei den Richtigen ankommt….

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arbeiten im Corona-Modus, 8. Woche: warten auf das dicke Ende……

Mitte dieser Woche wurden in ganz Deutschland weitreichende Lockerungen beschlossen, was bei sehr vielen Menschen dazu führt, dass sie nunmehr alle Hemmungen verlieren. So als hätte es Corona nie gegeben, missachten sie alles, was Expert*innen und Politik in den letzten Wochen versucht haben zu vermitteln. Andere fürchten: das dicke Ende kommt erst noch!

Während ich diesen Beitrag schreibe, höre ich im Hintergrund die Meldung, dass das RKI nunmehr von einem R-Wert von 1,1 ausgeht, nachdem er zwischenzeitlich schon auf 0,7 runter war. Ein Wert, der in der Corona-Debatte vor ein paar Tagen noch Panik und weitreichende Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche ausgelöst hätte, scheint heute niemanden mehr zu beunruhigen. Rechtsextreme, Esoteriker und Anhänger irgendwelcher Verschwörungstheorien gehen zu tausenden auf die Straße und demonstrieren gegen die „Corona-Lüge“, gegen „Zwangsimpfungen“ und gegen Bill Gates. Alle Geschäfte sind wieder geöffnet, die Kneipen, Cafes und Restaurants folgen in den nächsten Tagen, die Bundesliga nimmt am kommenden Wochenende ihren Spielbetrieb wieder auf.

schrittweise in den „Regelbetrieb“

Und auch die sozialen Einrichtungen werden „schrittweise“ wieder geöffnet. Ab Montag gehen unsere Jugendfreizeiteinrichtungen wieder an den Start – schrittweise wie gesagt, mit ersten sehr eingeschränkten Angeboten für Kinder und Jugendliche. Die Schulen erweitern ihr Angebot.  Andere Einrichtungen dürften folgen. Nach und nach kehren wir zurück zum Regelbetrieb. Unsere Kitas verzeichnen starke Nachfrage von Eltern. Zwar gilt noch immer, dass nur solche Kinder betreut werden sollen, für die eine anderweitige Betreuung nicht gewährleistet werden kann – und das auch nur  für Kinder, deren Eltern bestimmten Berufsgruppen angehören oder wo besondere pädagogische Situationen dies erfordern. Aber der Kreis der Berechtigten wurde in den letzten Wochen und Tagen so oft erweitert, dass mittlerweile kaum noch jemand durchblickt, wer nun tatsächlich einen Anspruch auf Kitaversorgung hat und wer nicht. Irritierend in dem Zusammenhang auch die Botschaft der Senatsverwaltung, dass die Kitas bis zu 70% der Plätze zeitnah wieder belegen können – gleichzeitig aber strenge Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden sollen, um die weitere Ausbreitung des Virus zu erschweren. Nicht nur der Paritätische runzelt die Stirn. Was denn nun bitte? So viele Kinder wie möglich in der Kita betreuen – oder den Corona-Virus eindämmen? Beides geht nicht.

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arbeiten im Corona-Modus, 7. Woche: dauerhaft systemrelevant

Systemrelevant …. was für ein denkwürdiger Begriff. Vor Corona hätten die meisten Menschen, damit die Schlüsselindustrien, die Bundeswehr, den Staatsschutz, vielleicht die Banken und bestenfalls noch die Sicherheitsexperten in Atomkraftwerken in Verbindung gebracht. Corona hat den Blickwinkel verändert. Wir merken: Systemrelevant, sind die Berufsgruppen und Branchen, die die Grundversorgung sicherstellen und damit unser Land am Laufen halten. Das muss sich ins Gehirn der Menschen einbrennen – für die Zeit nach Corona.

Am 1. Mai waren meine Timelines bei Facebook und Twitter voll von Fotos und Posts von Gewerkschafter*innen und linken Politiker*innen, die sich für die Rechte von Arbeitnehmer*innen und eine bessere Bezahlung stark machten. Immer wieder dabei: die Forderung nach einem einheitlichen Mindestlohn von mindestens € 12.- pro Stunde. Eine – wie ich finde – berechtigte Forderung…. und ich freue mich sehr, dass in Berlin der gesetzliche Mindestlohn bereits auf € 12,50 festgelegt wurde. Ich verstehe eigentlich auch gar nicht, wie man dagegen sein kann. Es ist doch plausibel und grundsätzlich richtig, wenn Menschen, die den ganzen Tag arbeiten gehen, davon auch leben können. Und wer sein Leben lang arbeitet, der darf am Ende seines Lebens nicht in die Altersarmut fallen. Wenn wir alte Menschen losschicken, Pfandflaschen zu sammeln, damit sie sich was zu essen leisten können, dann stimmt was grundsätzliches nicht in unserem Land. Dann stimmt irgendwas grundsätzliches mit uns nicht. Ein Mindestlohn ist ein wichtiger Baustein zu sozialer Gerechtigkeit und gegen Altersarmut. Und darüber hinaus ein Zeichen von Wertschätzung für geleistete Arbeit.

Eine von mir wegen ihres herausragenden Engagements in ihrem Wahlkreis sehr geschätzte Politikerin hat die Forderung nach einem Mindestlohn vor ein  paar Tagen deutlich abgelehnt mit dem Hinweis auf sich verändernde Arbeitswelten, die durch Corona noch mal einen deutlichen Schub bekommen. Ihre These: HomeOffice und Digitalisierung verändern die  Wirtschaft und die Arbeit gerade enorm und sie kritisiert, dass die SPD dies offenbar nicht angemessen zur Kenntnis nimmt und stattdessen nur „stereotyp“ nach einem Mindestlohn ruft. Ich habe ihr auf Facebook entgegnet: die, die vom Mindestlohn profitieren, sind i.d.R. nicht die, die über HomeOffice oder Schreibtischsharing oder Digitalisierung nachdenken. Das sind i.d.R. eher systemrelevante Arbeitnehmende in schlecht bezahlten Berufen: Reinigungskräfte, Verkäufer*innen, Pflegekräfte u.v.m. ….. da reicht klatschen auf dem Balkon häufig nicht – da müssen steigende Mieten und Lebenshaltungskosten durch steigende Einkommen kompensiert werden…

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Smarte Jugendarbeit

© bloomua – Fotolia.com

Beitrag von Kristoffer Baumann auf stadtteilzentrum-steglitz.de 

Die Digitalisierung der Gesellschaft wird nicht kommen. Sie ist schon da. Und sie entwickelt sich in immensem Tempo weiter. Technologie ist längst in allen Bereichen unseres Lebens präsent. Immer mehr sind vor  allem junge Menschen mit digitalen Kulturen verbunden. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie digitale Medien aktiv oder passiv nutzen. Bedingt durch die Technologisierung benötigen sie heute andere Fähigkeiten als vorherige Generationen für die Gestaltung ihrer Zukunft. Die Art und Weise in der sie soziale Beziehungen pflegen, hat sich irreversibel verändert. Die Digitalisierung der Jugendarbeit ist eine unabdingbare Voraussetzung, um mit dieser Entwicklung und der Zeit Schritt zu halten.

Natürlich wird durch den Einsatz von Online-Technologie in der Jugendarbeit nicht automatisch sinnvolle und aktuelle Arbeit garantiert. Ganz besonders dann nicht, wenn Methoden und Instrumente nicht ständig aktualisiert werden und so dem veränderten Mediengebrauch junger Menschen gerecht werden. Der Einsatz digitaler Medien und Technologien sollte Ziele und Abläufe der Jugendarbeit, wie z.B. die Aktualisierung der Ansprache von Jugendlichen und die Entwicklung technologiebezogener Fähigkeiten junger Menschen, unterstützen.

Obwohl diese Entwicklung und auch die Bedeutung digitaler Medien und Technologien weithin bekannt sind, zeigt der Blick auf die Angebote der Jugendarbeit in Berlin und im gesamten Bundesgebiet, dass die Umsetzung der digitalen Jugendarbeit oft nur wenigen begeisterten Menschen überlassen ist und das volle Potenzial digitaler Medien und Technologien in der Jugendarbeit bei Weitem nicht ausgeschöpft ist. Strategische Entwicklung und Festlegung von Zielen in der digitalen Jugendarbeit sind bestenfalls die Ausnahme. Es ist also unbedingt notwendig, die Bedeutung der Digitalität in der Jugendarbeit nicht nur anzuerkennen, sondern die Gründe für die Umsetzung digitaler Jugendarbeit zu verstehen und die notwendigen Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen.

 

Im Rahmen der offenen Kinder- und Jugendarbeit in unserem Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum, kurz KiJuNa, haben Kinder und Jugendliche gemeinsam mit unseren ErzieherInnen einen ersten wichtigen Schritt in Richtung digitaler Jugendarbeit gemacht. Im Verlauf des Jahres 2019 wurde eine Browser-App entwickelt, die den NutzerInnen verschiedene Möglichkeiten bietet. Hier findet man einen Überblick über alle Angebote im KiJuNa, aktuelle News gebündelt aus unseren Social-Media-Profilen, Termine für Veranstaltungen und Turniere, Kurzvorstellungen der KollegInnen im Haus und den wöchentlichen Speiseplan unseres Kinderrestaurants. Neben dem Zugang zur reinen Information gibt es innerhalb der App auch die Möglichkeit zur Interaktion. So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, sich direkt zu AGs und Workshops anzumelden oder die Anmeldeformulare herunterzuladen. Selbstverständlich können die Kinder und Jugendlichen sich über diesen Kanal auch untereinander und mit unseren Fachkräften austauschen und z.B. ihre Vorschläge zur Weiterentwicklung unseres Angebots posten und diskutieren. Hierfür steht derzeit eine Kommentarfunktion zur Verfügung, die durch regelmäßig stattfindende Gruppenchats und Foren zu für die Kinder und Jugendlichen relevanten Themen ergänzt werden soll.

Ende 2019 wurde die App gelauncht und befindet sich derzeit in einer „Beta“-Test-Phase. Wir erhalten erste Rückmeldung dazu, was den Kindern und Jugendlichen gefällt, was ihnen fehlt, was man besser machen kann und in welchen Funktionen sie für sich den größten Nutzen sehen. Ziel ist es, die App bis zum Sommer 2020 dem Feedback der NutzerInnen entsprechend, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen, zu optimieren und die „Bausteine“ anschließend zu einer nativen App weiterzuentwickeln.

Es ist nicht lange her, da haben die Menschen ihr Verhalten den Medien und Technologien angepasst. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer dienstags um 17.30 Uhr zuhause sein musste, damit ich die neueste Folge „Alf“ nicht verpasse. Heute erwarten wir, und allen voran junge Menschen, dass sich Technologien und Medien ihnen anpassen. Gleiches gilt für die offene Kinder- und Jugendarbeit. Sie muss sich an den Bedürfnissen und Interessen junger Menschen ausrichten und weiterentwickeln. Dass es hierfür mehr braucht als eine App, steht außer Frage. Für digitalisierte und technologisierte Jugendarbeit braucht es ganzheitliche Strategien, die die Digitalität als Querschnittsthema in allen Bereichen der Jugendarbeit berücksichtigt. Hieran arbeiten wir in unseren Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen gemeinsam mit den Experten für Digitales und Jugendthemen, den Kindern und Jugendlichen.

 

Kristoffer Baumann / baumann@sz-s.de

Leitung des Arbeitsbereiches Kinder- und Jugendarbeit

Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

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neue Folge: Wir müssen mal reden…… die „Corona-Episode“ des Podcasts mit Mampel & Baumann

Wir müssen mal reden…

…über das, was uns in dieser merkwürdigen Zeit beschäftigt. Ein Virus verändert die Welt. Auch die kleinen Welten jedes Einzelnen sind nicht länger, wie sie waren. Vieles ist nicht mehr normal; anderes, vorher kaum denkbares, scheint es langsam zu werden. Was ist, was bleibt, was kommt zurück. Darüber reden Mampel und Baumann in der „CoronaEpisode“ ihres Podcasts.

#corona #szsteglitz #sozialearbeit

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arbeiten im Corona-Modus, 6. Woche: alles locker trotz Lockerungen?

In Berlin werden ab Montag – so wie überall – die Kitas und Schulen weiter schrittweise geöffnet. Mehr Kinder, mehr Elternkontakte, mehr Kontakte mit Kolleg*innen und und und …… Das Corona-Risiko für alle Erzieher*innen steigt erheblich – aber nur ein paar wenige sollen dafür vom Berliner Senat gewürdigt werden. Trotz aller Lockerungen – ich kann da nicht locker bleiben.

Die Not der Kinder und ihrer Eltern ist in diesen Zeiten erheblich. Kristoffer Baumann hat das in seinem Gastbeitrag auf diesem Blog anschaulich beschrieben. HomeOffice führt zu Mega-Stress bei den Eltern und zu noch mehr Stress bei den Kindern – denn sie können natürlich nicht verstehen, warum sie nicht mehr mit anderen Kindern in der Kita lernen und spielen dürfen oder warum der Spielplatz in der Nachbarschaft für sie nun „verbotene Zone“ ist. Alle sehnen sich danach, dass diese Corona-Krise endlich ein Ende findet, endlich aufhört unser aller Leben und unsere Freiheitsrechte so zu beschneiden und zu reglementieren. Corona ist sche***e. Für alle.

Alle wollen Freiheit. Primär für sich selbst.

Kein Wunder also, dass an allen Ecken nun nach weiteren Lockerungen der Corona-Beschränkungen gerufen wird, verständlich, dass jede Gruppe für sich besondere Umstände und besondere Schwierigkeiten geltend macht, in der Hoffnung, dass speziell für sie besonderes Entgegenkommen beschlossen wird. Und ich meine da nicht mal in erster Linie die Bundesligavereine oder die Lobbyverbände der Industrie. Ich meine auch alle „ganz normalen“ Interessengruppen: die Eltern, die Abiturienten, die Großeltern, die Freizeitsportler*innen, die Kneipenbesucher*innen, die Pfarrer*innen  und die Gläubigen. Und die Ungläubigen sowieso. Alle wollen Freiheit. Primär für sich selbst.

In den vergangenen Wochen galten besondere Regelungen lediglich für „systemrelevante“ Berufsgruppen: Medizinisches Personal, Mitarbeitende in der kritischen Infrastruktur, Polizei, Feuerwehr, bestimmter Einzelhandel und Pflegekräfte und natürlich auch Erzieherinnen und Erzieher, denn sie waren und sind für die Betreuung der „systemrelevanten Kinder“ zuständig und damit selbst systemrelevant. Der Kreis derer, die als systemrelevant gelten, wurde in den letzten zwei, drei Wochen immer mehr erweitert. Und ab Montag gelten weitere Lockerungen – der Druck der Eltern auf die Politik hat gewirkt: Die Kinderzahlen werden erheblich steigen – und damit nun auch das Infektionsrisiko für die Beschäftigten in den Kitas.

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zur Diskussion: „Wegen dem blöden Virus“ …von Kindern, Autohäusern und Solidarität

Kristoffer Baumann

Kristoffer Baumann arbeitet beim Stadtteilzentrum Steglitz e.V. – und das schon seit etlichen Wochen von zuhause aus. Denn die Kita seines Kindes hat geschlossen. Kristoffer jammert nicht. Er arbeitet im HomeOffice und versucht alle Rollen unter einen Hut zu bekommen. Was ihm aber zunehmend Sorge macht, sind die Auswirkungen von Kitaschliessungen und Kontaktverboten für sein Kind – und für alle Kinder in dem Alter. Und er fordert, dass Kinderrechte genauso in strategische Überlegungen zur Bewältigung der Krise einbezogen werden müssen wie die Interessen der Wirtschaft.

 

Gastbeitrag

„Wegen dem blöden Virus“
…von Kindern, Autohäusern und Solidarität

Ich find‘s schon ein wenig seltsam, dass zuerst die Orte gerade wiedereröffnet werden, an denen sich die „Risikogruppen“ – ja klar, mit Abstand – begegnen werden. Was ist mit den Kindern, die ebenfalls solidarisch durch ungefragt verordnete Entbehrung jeglicher sozialer Kontakte (Mamas, Papas und Geschwister ausgeschlossen) in erheblichem Maß zum #CurveFlattening beitragen haben? Über sie, die für ihre Rechte noch nicht selbst einstehen können, wird ohne wahrnehmbare Debatte und entgegen mancher psychologisch wissenschaftlicher Erkenntnisse entschieden?

Sorry, aber waren alle großen Worte über die Bedeutung der Kinderrechte tatsächlich nur Lippenbekenntnisse?! Was die Abwesenheit von sozialem Kontakt zu etwa Gleichaltrigen für einen Vierjährigen bedeutet und was das mit ihm, seiner Psyche, seiner Entwicklung und seinem daraus resultierenden Verhalten macht, studiere ich gerade am eigenen Kind. Zwischen VideoMeetings, dem verzweifelten Versuch die häusliche Rollenverteilung der 50er zu vermeiden, Erklärungen, was und warum Jugendarbeit gerade eigentlich und überhaupt macht und leistet und der einigermaßen schleppenden Entwicklung von KrisenPapaKompetenzen.

Ob ich denn nicht einsehen könne, dass das zwar „nicht schön“ sei, aber die Kinder ja so wenigstens gesund blieben. So etwas hör ich gerade von vielen Seiten. Von Menschen die selbst bei einem Höchstmaß an Empathie (was beim alten, reichen, weißen Mann ja eher selten anzutreffen ist) eben die Situation in der sich meine Familie gerade befindet nicht nachvollziehen können. Oder schlimmer, es gar nicht erst wollen. Ob meine Kinder gesund bleiben, weiß ich nicht. Und dabei geht es nicht nur um die Krankheit, die dieses Virus auslöst. Mitten im Spiel wird mein Sohn (4) heute plötzlich ganz still und steht mit hängendem Kopf einigermaßen entrückt einfach da. Auf Nachfrage kommt die Antwort: „hier wohnt doch C***. Aber ich darf nicht mit ihr spielen. Wegen dem blöden Virus.“

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arbeiten im Corona-Modus, 5. Woche: Führungsfragen.

© fotogestoeber – Fotolia.com

Anfang der Woche entspann sich eine interessante Diskussion mit einer Kollegin aus unserem Leitungsteam. Die Frage stand im Raum, was wir als Leitungskräfte eigentlich damit machen, wenn wir „plötzlich“ mitkriegen, dass die Dinge auch ohne unser zutun ziemlich gut laufen. Oder anders gefragt: Braucht es uns noch? Und wenn ja: Wofür auf jeden Fall nicht mehr?

Schon seit einiger Zeit sind wir auf dem Weg zur „agilen Organisation“. Wir gehen kleine Schritte, diskutieren mit unseren Teams – zunächst im Bereich Kindertagesstätten – über ideen und Ansätze aus „Reinventing Organizations“ von Frederik Laloux, gucken in die Niederlande zu Buurtzorg, lernen in Seminaren etwas über agile Führung und Kulturwandel in Unternehmen. Und sind stets bemüht, alle mitzunehmen, das System nicht zu überfordern und  Entwicklungen behutsam und vorsichtig zu gestalten.  Und dann kommt Corona.

Der Virus hat unserer Art zu arbeiten massiv beeinflusst, möglicherweise wird er sie nachhaltig verändern. Der kleine Feind zwingt uns zu Einrichtungssschliessungen und zu persönlicher Distanz, er fordert uns auf allen Ebenen des menschlichen Seins heraus und zwingt uns, alles in Frage zu stellen, was uns lieb und teuer geworden ist in der sozialen Arbeit mit Menschen, die uns anvertraut wurden oder sich uns selbst anvertraut haben. Wir haben rekordverdächtig schnell neue Angebotsformate entwickelt und uns nach Kräften bemüht unseren Rückstand beim digitalen arbeiten und kommunizieren aufzuholen. Und wir mussten anerkennen, dass in einer solchen Zeit,  das Unvorhersehbare und das nicht-planbare bestimmt, wie und woran wir arbeiten. Die Art wie wir zusammenarbeiten wird massiv beeinflusst, ja fast schon transformiert. Der Virus beschleunigt  unsere Entwicklungen und Prozesse hin zu einer digitalen, agilen Organisation geradezu zeitraffermäßig. Selbstverantwortung, Selbstorganisation, agile Arbeitsweisen, agile Führung: wir lernen gerade im Turbogang. Und wir ahnen: Wir werden nach der Krise nicht mehr die gleiche Organisation sein wie vor der Krise. Wir können und werden nicht mehr so weitermachen, wie vor der Krise. Und wir haben noch einige offene Fragen.

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zur Diskussion: Corona vs. Selbstverantwortung – Wieviel staatliche Reglementierung brauchen wir?

Hanfried Wiegel-Herlan

Mein Freund und Kollege im Vorstand des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. Hanfried Wiegel-Herlan schätzt offene und klare Worte und nimmt nur ungern ein Blatt vor den Mund. Als Geschäftsführer eines ambulanten Pflegedienstes im Berliner Südwesten ist der studierte Sozialarbeiter und Soziologe mit allen bekannten und weniger bekannten Problemen des Pflegesektors vertraut. In zwei Stellen hat er hierzu schon Gastbeiträge auf diesem Blog veröffentlicht. Heute fragt er in einem Beitrag provokativ: „Warum sollten wir den Menschen nicht die Freiheit zurückgeben, selbst zu entscheiden, welchen Risiken sie sich in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie aussetzen?“   Und er bitte ausdrücklich um ein saftiges „Contra“. 

 

„Wie soll das alles weitergehen?“ fragen wir uns alle mehrmals täglich. Je länger wir die verordneten und gegenwärtig noch weitgehend akzeptierten Einschränkungen unserer Freiheiten hinnehmen, umso mehr werden die Kollateralschäden sichtbar: Mehr Menschen erkranken an Depression, die Suizidraten – so ist zu befürchten – werden steigen; Frauen müssen vor ihren Männern, die mit ihrer plötzlichen Arbeitslosigkeit nicht klarkommen, in Sicherheit gebracht werden (Warum gibt es genug Beatmungsgeräte, aber nicht genügend Refugien für malträtierte Frauen?); Kinder werden durch häusliche Gewalt für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Die Liste ließe sich mühelos verlängern. Diese – nunmehr sichtbaren – Phänomene führen unweigerlich zu der Frage, ob das, was wir durch die Einschränkungen gewinnen, in einem angemessenen Verhältnis steht zu dem, was wir verlieren. Um es noch pointierter zu formulieren: Ist die Rettung des Lebens von ein paar Tausend Menschen die Schädigung der Lebensperspektiven oder gar des Lebens von ein paar Tausend anderer wert? Wie gewichten wir Gewinne und Verluste vor dem Hintergrund der Werte, die uns wichtig sind? Und welche Werte wiegen für uns schwerer als andere?

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im Gespräch: Soziale Arbeit in Zeiten von Corona

Gestern hatte ich ein gutes und wie ich finde interessantes Gespräch mit Benjamin Wockenfuß, das auf (oder in oder?) seinem Podcast veröffentlicht wurde.

Thema: Soziale Arbeit in Zeiten von Corona: Was sind das für Zeiten für den Sozialen Sektor. Seit der Corona-Krise sieht sich die Soziale Arbeit im Verständnis von Zugangswegen und Kommunikation mit grundlegenden Fragestellungen konfrontiert. Was hat diese neue Situation mit dem Sozialen Bereich gemacht? Alles Notlösungen oder ist die aktuelle unwirkliche Situation vielleicht sogar eine Chance für die Soziale Arbeit?

Vielleicht findet Ihr das ja auch interessant – und hört mal rein 😉

Hier gehts zum Podcast: wknfss.de/soziale-arbeit-in-zeiten-von-corona/