Realität meets ver.di

Der Ver.di  Sekretär Stefan Thyroke hat sich selbst zum Fachmann für die Finanzierung der sozialen Arbeit freier Träger ernannt und wird als solcher in der Berliner Morgenpost vom 30.12.2010 zitiert. (Der vollständige Mopo-Artikel ist auf socialNC dokumentiert…..) Thyroke hat herausgefunden, dass man die Leistungen an frei-gemeinnützige Träger ohne Probleme um 5% kürzen könnte (das Land Berlin würde dann rund 100 Millionen Euro sparen), ohne dass die Qualität der Arbeit darunter leiden würde.  Die Träger, so der Funktionär, würden zum Teil zwei-stellige Renditen einfahren, während die Beschäftigten unter unzumutbaren Bedingungen (schlechte Bezahlung, Kettenarbeitsveträge etc.) malochen müssten. Gleichzeitig würden Geschäftsführer-Gehälter  seit Jahren exorbitant steigen.

Ver.di-Funktionär Thyroke sieht laut Berliner Morgenpost  den Senat in der Pflicht. „Die Ämter sollten strenger kontrollieren und einen Tarifvertrag mit einer DGB-Gewerkschaft als Qualitätssiegel einfordern, wenn diese weiter für das Land tätig sein wollten.“

Ich selbst bin Geschäftsführer eines mittelkleinen freien Trägers. Der Verein Stadtteilzentrum Steglitz e.V. betreibt zwei Kitas, ist Träger von Schulhorten und Schulstationen und verantwortet die Arbeit von Jugend- und Nachbarschaftszentren. Unsere Mitarbeiter werden mittelprächtig bezahlt (wir befinden uns in etwas im Mittelfeld der Berliner Bandbreite),  der Geschäftsführer bekommt ein Gehalt, das deutlich unter dem berlinweiten Durchschnitt bei sozialen Trägern (der beträgt derzeit laut DPW ca. 56.000.- brutto per Anno) liegt und fährt keinen Dienstwagen. Wir erwirtschaften keine Gewinne und machen (i.d.R.)  auch keine größeren Verluste. Wir kommen am Ende der Tage mit einer „schwarzen Null“ raus. Damit will ich sagen: Wir kommen mit dem Geld aus. Wir können keine großen Sprünge machen, wir können unseren Mitarbeitern auch nicht ansatzweise eine „1 zu 1“ Umsetzung der tarifvertraglichen Regelungen für den öffentlichen Dienst anbieten. Wir können keine Rücklagen bilden (was selbst aus Senatssicht schlau wäre) – aber: Wir kommen hin. Und wir wundern uns. Ich wundere mich. Vor allem über die Realitätsferne des oben zitierten Gewerkschaftsfunktionärs.

Ein Blick in Richtung Kita-Eigenbetriebe kann vielleicht auch bei Gewerkschaftsmenschen zur Realitäts-Erkenntnis führen: Die Kita-Eigenbetriebe sind Staatsunternehmen, die (das war lange Zeit ausdrücklicher Wunsch der kommunalen Kitas) die gleiche finanzielle Ausstattung erhalten wie die Einrichtungen freier Träger. Die vom Land Berlin zu erstattenden Kosten pro Kind werden in (für alle Träger) einheitlichen und verbindlichen Kostenblättern geregelt.

Es ist eine absurde Situation, dass die Berliner Eigenbetriebe im Jahr 2010 ein Defizit von rund 7,8 Millionen Euro erwirtschaften (wie gesagt – bei gleicher Finanzierungslage wie die freien Träger)  und der Steuerzahler in den  Jahren 2010 – 2012  p.A. rund 4,6 Millionen in die Staatsunternehmen zusätzlich „einschiessen“ muss, damit die Betriebe nicht zahlungsunfähig werden – den freien Trägern aber das Geld gekürzt werden soll.

Begründet wird das hohe Defizit übrigens mit der Tariflage und den immensen Vergütungs- und Altersversorgungsansprüchen der Beschäftigten in den Eigenbetrieben. Interessant, dass Ver.di fordert, dass genau diese Tariflogik auch bei allen freien Trägern verbindlich eingefordert werden soll. Ich wäre im Interesse meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch dafür – allerdings unter einer Voraussetzung: Ich will dann auch alle Verluste vom Land Berlin erstattet bekommen. Ich möchte auch die Garantie bekommen, dass ich trotz unwirtschaftlicher Führung des Betriebes nicht zur Insolvenz gezwungen werde. Und ich möchte dann trotz Verlusten in Millionenhöhe auch soviel verdienen wie ein Geschäftsführer eines Kita-Eigenbetriebes in Berlin…..

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