Geht so ein Grußwort zum Thema „Inklusion“?

Liebe Leute,

ich brauche mal Euer Feedback! Die Ausgabe Dezember/Januar unserer „StadtteilZeitung“ beschäftigt sich mit dem Scherpunktthema Inklusion. Ich habe ein Grußwort für diese Ausgabe geschrieben – bin mir aber unsicher, ob das so geht….. Bitte mal lesen und dann unten abstimmen oder kommentieren. VIELEN DANK!

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Liebe Leserinnen und Leser,

ich lüfte in dieser Ausgabe ein Geheimnis: Ich bin behindert! Und zwar richtig doll. Neben meiner auch nach außen hin leicht zu erkennenden  Seh-Behinderung (ich bin  deshalb seit meinem 7. Lebensjahr auf eine Sehhilfe angewiesen) habe ich einige Unzulänglichkeiten, die mich mitunter im Alltag sehr stark einschränken: Ich bin z.B. nicht in der Lage ohne fremde Hilfe Rollstuhl zu fahren. Wenn ich es versuche, scheitere ich schon an der kleinsten Bordsteinkante, die für mich zum unüberwindbaren Hindernis wird. Andere Menschen beherrschen dieses Fahrgerät wie im Traum. Ich komme nicht hinterher  – ich werde in der Szene ein Außenseiter bleiben. Vollkommen aufgeschmissen bin ich in Gesprächsrunden von taub-stummen Menschen. Ich versteh überhaupt nichts. Was für diese Menschen ganz klar und logisch und die selbstverständliche Grundlage der zwischenmenschlichen Kommunikation darstellt, ist für mich nur eine zusammenhanglose Aneinanderreihung merkwürdiger Finger- und Handbewegungen. In solchen Momenten spüre ich meine Behinderung sehr deutlich. Ich fühle mich ausgegrenzt. Ich fühle mich stigmatisiert. Ich gehöre nicht dazu. Weil ich etwas nicht kann, was für viele andere ganz selbstverständlich ist. Diese negative Erfahrung der Behinderung wird nur noch getoppt, durch Dokumente, die mir in Brailleschrift zur Kenntnisnahme oder zur Unterschrift vorgelegt werden. Immer und immer wieder gleiten meine Fingerspitzen über die ins Papier gestanzten Punkte. Aber so sehr ich mich auch anstrenge: Ich kann den Sinn der Zeilen nicht ertasten. Auf diese Art,  von Informationen und Teilhabe an Wissen und Kommunikation ausgeschlossen zu sein, ist wohl eine der übelsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Es wird Sie und Euch sicher nicht überraschen, dass jemand wie ich ein großer Anhänger der Inklusionsidee ist. Ich begrüße es aufs allerschärfste, dass sich die An- und Einsicht immer mehr durchsetzt,  die Vielfältigkeit und das „Anders-Sein“ der Menschen als wertvolles Element einer lebendigen, bunten Gesellschaft zu wertschätzen. Ich finde es großartig, dass sich immer mehr Menschen auf den Weg machen, um in allen Bereichen des Zusammenlebens Bedingungen zu schaffen, die das selbstverständliche Miteinander der verschiedenen Menschen – ganz egal ob mit oder ohne „Behinderung“ – zum Normalfall erhebt und aufhört andere Menschen wegen ihrer anderen Art oder ihrer besonderen Eigenschaften auszugrenzen und zu diskriminieren. In einer solchen Gesellschaft ist auch für mich Platz. Da will ich dazu gehören.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien und Freunden ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start in ein tolles neues Jahr. Und natürlich „all inclusive“ 😉

Herzliche Grüße – Thomas Mampel, Geschäftsführer

 

update: 3.12.13: Die Ausgabe Dezember/Januar ist fertig und nunmehr auch online verfügbar (HIER klicken).

 

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8 Gedanken zu “Geht so ein Grußwort zum Thema „Inklusion“?

  1. Vielen Dank für all Eure Rückmeldungen und Statements hier und bei Facebook. Alle Argumente und Hinweise sind sehr interessant und überwiegend auch richtig. Trotzdem habe ich mich dazu entschlossen, dass Grußwort unverändert zur Veröffentlichung freizugeben. Im Idealfall löst die nächste Ausgabe unserer Stadtteilzeitung (vielleicht auch provoziert durch das Grußwort) eine genau so rege und lebhafte Diskussion aus…….. Ich wünsche Euch einen tollen Start in die Woche…. Th.

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  2. „Andere Menschen beherrschen dieses Fahrgerät wie im Traum.“ vlt. Andere Menschen beherrschen dieses Fahrgerät wie ich meine beine.
    Antwort von
    tmampel schreibt:
    1. Dezember 2013 um 6:36 nachmittags

    aber dir ist es möglich all diese Sachen zu erlehnen !!

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      • mit Übung kannst du z.B. Rollstuhl fahren, Gebärdensprache verstehen, Blindenschrift fühlen und verstehen. ich glaub das ist der falsche Ansatz uns alle als „behindert“ zu bezeichnen. Ich vertrete den standpunkt das „normale“ menschen alles erlehrnen können was sie vollen und das begabungen nicht angeboren sind. Inklusion ist für mich das man sich gehen seitig hilft was neues zu erlehnen. ich habe angst das bei der inklusion die nicht bereitschaft etwas neues zu lehren gefördert wirt.

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  3. Ich hätte es besser gefunden, wenn es eine Darstellung von Fähigkeiten von Behinderten wäre, die die restliche Welt nicht wahrnimmt. Und sie nimmt sie deshalb nacht wahr, weil Behinderte nicht integriert sind in die Gesellschaft.
    Ich meine, wir sind zu sehr darauf aus, die negativen Askpekte zu beschreiben. Es umzudrehen und zu sagen, was toll ist, gefiele mir wesentlich besser.

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    • Vielen Dank für dieses Feedback. Genau darum ging es mir in meinem Text: Durch den Perspektivwechsel deutlich machen, dass ich vieles nicht kann, was „Behinderte“ ganz selbstverständlich gut können. Ich finde es teilweise klasse, was sog. „Behinderte“ alles können – und ich ich stehe da ziemlich hilflos daneben und muss feststellen: „Ich kann das nicht“. ich vermute, der Rest der Zeitung wird deutlicher machen, dass wir keinen defizit-orientierten Blick auf „Behinderte“ haben. Genau das Gegenteil ist wahr!

      Herzliche Grüße
      Thomas Mampel

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