GF-Tagebuch #3: Wir evaluieren uns zu Tode

Das war eine schöne Woche. Erster Termin der Woche am Montag : die Unterzeichnung der Vereinbarung mit dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf über die Zusammenarbeit mit unserer Kita „Lankwitzer Maltinis“ im Rahmen des Landesprogramms „Kitas bewegen – für die gute gesunde Kita“; letzter Termin der Woche: die grandiose Charity-Veranstaltung für das Projekt jugendnotmail.de unseres Mitglieds „jungundjetzt e.V.“! (Der Verein  ist als juristische Person Mitglied im Stadtteilzentrum Steglitz). Die Veranstaltung war phantastisch organisiert und vorbereitet (DANKE an  Toni Mampel und ihr Team) und zahlreiche Gäste genossen die schöne Stimmung und das musikalische Programm („Telte  live“) – und spendeten fleissig. Über 2600.- € sind an diesem einen Abend zusammengekommen….. Klasse!
Zwischen diesen beiden Höhepunkten dann Besprechungen, Mitarbeitergespräche, zwei Vorstellungsgespräche für die Stelle der Leitung einer Kita unseres Vereins, Abschluss der Jahreszielplanung mit den Leitungskräften der .garage berlin, eine Besichtigung von neuen Büroräumen für unsere Geschäftsstelle  und eine Planungssitzung zur weiteren Arbeit im Modellprojekt „Sozialräumliche Leistungen“.

© olly - Fotolia.com

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Und „nebenbei“ fangen wir jetzt an, die Daten, Zahlen und Leistungsdokumentationen  für die im ersten Quartal fälligen Verwendungsnachweise und Sachberichte aufzubereiten und zu strukturieren. Ich muss zugeben, dass sich in mir immer ein gewisser Widerstand gegen bestimmte Berichtsformen aufbaut. Ich finde es natürlich richtig und notwendig zu überprüfen, ob die vereinbarten Ziele bzw. Vorgaben erreicht und umgesetzt wurden und ob die von verschiedenen Stellen finanzierte Arbeit die gewünschte Wirkung erzielt hat. (Über die Messung von Wirkungen sozialer Arbeit wurde an DIESER STELLE schon mal geschrieben….) Aber : der Umfang und das Ausmass der diversen Nachweise und Berichte nehmen eine Form an, die teilweise kaum noch beherrschbar ist. Dahinter steckt der offenkundige Wunsch jeden Teilbereich eines Projektes, jeden Aspekt  der Arbeit einer Einrichtung und  die Vielzahl der Tätigkeiten  im Rahmen der verschiedenen Arbeitsfelder sozialer und pädagogischer Arbeit allumfassend zu „evaluieren“:  „Interne und externe Evaluation“ in den Kitas;  Modellprojekte (wie das oben genannte Projekt „Kitas bewegen“) werden als „Instrumente der internen Evaluation“ angepriesen;   umfassende Erhebung bzw. Abfrage von Daten aller Art zur Evaluation der Zielgenauigkeit des Mitteleinsatzes.

Sammelwut ohne Grenzen

Ein paar Beispielabfragen gefällig?: „Detaillierte Angaben zu Anzahl, Art und Größe (qm)  der im Berichtszeitraum genutzten Räume“;  „Anteil der Besucher/innen mit Migrationshintergrund mit %-Angaben (geschätzt) zur Zuordnung zu den Nationalitäten Englisch, Spanisch, Französisch, Türkisch, Serbe-Kroatisch, Russisch, Vietnamesisch, Arabisch, Kurdisch, Andere … im Berichtszeitraum“; „Ausführliche Darstellung zu Kooperationen und Netzwerkbildung und zum Stand der Qualitätssicherung (ausführliche Darstellung der Vereinbarungen, Maßnahmen und Ergebnisse“; „Wieviele Kinder und Jugendliche besuchen den Normalbetrieb der Einrichtung – Angaben getrennt nach „regelmäßig“ und „nicht-regelmäßig“ und gesondert nach Altersklasse 6-9 Jahre, 10-13 Jahre, 14-17 Jahre, 18-21 Jahre, 22- 26 Jahre und 27 Jahre und älter – dies nochmal  jeweils getrennt nach Grundschüler/innen, Sekundarschüler/innen, Gymnasiast/inn/en, Gesamtschüler/innen und Sonderschüler/innen bzw. bei älteren getrennt nach „in Ausbildung“, „in Berufsbildungs- oder Berufsvorbereitungsmaßnahmen“, im „Studium“, „berufstätig“, „arbeits- /ausbildungslos“ (hierbei mit Anzahl der Arbeitslosen ohne Schulabschluss) – und natürlich mit Angaben des jeweiligen Anteils der Besucher mit Migrationshintergrund in der jeweiligen Altersgruppe.“

Das war nur ein kleiner Auszug aus dem Berichtsraster  einer Verwaltung für eines unserer Projekte. Wir haben zahlreiche Projekte und Einrichtungen und arbeiten mit zahlreichen Verwaltungen und Mittelgebern zusammen – und jeder dieser Partner hat seine eigenen Schwerpunkte und Vorlieben , wenn es um das Sammeln von Daten geht……

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin sehr dafür, dass wir gemeinnützigen Träger die  zweckentsprechende Verwendung unserer Mittel nachweisen und ich bin dafür, dass die Wirkung der eingesetzten Mittel überprüfbar gemacht  und transparent kommuniziert wird. Geeignete Messinstrumente hierfür gibt es – man kann sie auch in der sozialen Arbeit einsetzen. Aber mal im Ernst: Glaubt Ihr wirklich, dass diese vollkommen irre Sammlung von Daten, Zahlen, Prozentpunkten, Quoten und qm-Angaben in irgendeiner Weise geeignet ist, die Qualität und die Wirkung sozialer Angebote zu messen und zu bewerten? Und „by the way“: Wieviele Menschen sind eigentlich damit beschäftigt, diese schier unglaubliche Datenmenge zu ordnen, zu dokumentieren, auszuwerten und für politische Entscheidungsprozesse aufzubereiten? Hat jemand mal ausgerechnet was dieser Irrsinn kostet? Berlinweit? Bundesweit?

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Seit November 2013 schreibe ich wöchentlich an meinem „Geschäftsführer-Tagebuch“. Warum ich das tue, könnt Ihr lesen, wenn Ihr H I E R klickt. Ich freue mich, wenn Ihr die Beiträge interessant findet und Ihr sie über Eure Kanäle (Facebook, Twitter  und Co.) teilt und verbreitet!

4 Gedanken zu “GF-Tagebuch #3: Wir evaluieren uns zu Tode

  1. Guter Artikel. Danke. Meine Frage dabei ist: Die aufgezählten Merkmale, die erfasst werden sollen, zielen doch eher auf ein Monitoring (was ja auch ok sein kann), und weniger auf eine Evalution. Monitoring ist eher für Steuerungsfragen wichtig, Evaluation für Wirkungsfragen. Beides verwandt, sicherlich, aber nicht identisch (so würde ich das jedenfalls als Laie bzw. Semi-Experte sehen). Mir scheint, dass dann Steuerungsinteressen vorherrschen, aber Wirkungsinteressen rhetorisch nach vorne gestellt werden.

    Ob Phineo (siehe den verlinkten Beitrag auf diesem Blog) grundsätzlich die Lösung ist, bezweifel ich eher…

    Und ein kleiner Beitrag zur Wirkungsfrage von ir gibt es hier: http://diakonisch.wordpress.com/2011/01/07/wirkungsdimensionen/

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    • Vielen Dank für diesen Kommentar! Den empfohlenen Link habe ich mir angesehen – sehr interessanter Artikel – vielen Dank auch dafür.(Den würde ich gern rebloggen, gehe mal davon aus, dass Sie einverstanden sind…) Insgesamt erscheint es mir sinnvoll und notwendig , mit den „Mittelgebern“ einen neuen Wirksamkeitsdialog zu führen. Auch dort scheint es Unklarheiten über die Plausibilität bestimmter Datenerhebungen zu geben – zumal die Daten dann z.T. aus unterschiedlichen Perspektiven heraus bewertet werden. (Verwaltung hat eher das Interesse zu „evaluieren“, Politik braucht Datengrundlagen für Steuerungsentscheidungen…….).

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  2. „You can’t manage what You can’t measure“, heißt es doch. Daten sind Voraussetzung für die Formulierung von Zielen und die Entwicklung von Strategien. Dabei ist es so offensichtlich, dass hier die Statistik zum Selbstzweck verkommt. Und nicht ganz nebenbei: welche Haltung (oder Dummheit) steckt dahinter, von Besuchern Auskunft über Alter, Nationalität, Besuchshäufigkeit, Schulabschluss und Beruf einsammeln zu wollen. Die NSA macht das nur heimlich, von sozialen Trägern wird es ganz offen erwartet – Wahnsinn.
    Eine Alternative sähe so aus: Mitarbeiter der Geldgeber machen sich persönlich ein Bild, besuchen je nach Fördervolumen mehr oder weniger häufig die Einrichtungen und kombinieren ihre Eindrücke mit wenigen Daten, die sie zusätzlich erheben. Erst nach einiger Zeit ergibt sich so ein Bild, das sich immer weiter abrundet. Zu subjektiv? Die im Artikel beschriebene Datengrundlage ist nur scheinbar objektiv, das weiß jeder, der Ähnliches miterlebt hat.
    Nicht verzweifeln!

    Alles Gute wünscht Oliver Schmidt

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    • Lieber Herr Schmidt,

      wir waren auch in Berlin schon mal weiter. Es war allgemein unstrittig, dass die Bewertung der Arbeit der Sozialen Träger auf der Grundlage vereinbarter Ziele – zum Beispiel im Rahmen von Leistungsverträgen – erfolgen sollte. Weniger der „beleggenaue Nachweis“ der Ausgaben und der Ausstattung sollte im Vordergrund stehen, sondern Qualität und Wirkung der Arbeit – also Güte, Wirksamkeit und Ausmaß der Angebotserbringung. Nach der sog. „Maserati-Affäre“ um Harald Ehlerts „Treberhilfe“ ist eine deutliche Kehrtwende von Politik und Verwaltung sichtbar: Es besteht ein grundsätzliches Mißtrauen gegenüber sozialen Trägern und Unternehmen; die Kontrollinstrumente und -verfahren wurden verfeinert und ausgebaut. Kontraproduktiv aus meiner Sicht – die Qualtität der Arbeit (im Sinne von Wirksamkeit) wird dadurch nicht besser, es werden aber zusätzliche Ressourcen für Verwaltungsarbeiten gebunden (bei gleichzeitig tendenziell abnehmenden Verwaltungskosten- und Regiepauschalen im Zuwendungsbereich…).

      Aber verzweifeln tue ich nicht. Alles wird gut… und dann besser 😉

      Viele Grüße
      Thomas Mampel

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