„Narzisstische Show eines Social Entrepreneurs“

GF-Tagebuch #19

Ich bin ein sehr Internet-affiner Mensch. Ich bin unterwegs bei Facebook, google+, Twitter, Instagramm, XING, socialNC und ich habe sogar einen Tumblr – Account – und ich blogge fleissig. Aber das wisst Ihr ja. Facebook ist, was soziale Netzwerke angeht, noch immer meine Homebase. Es ist einfach ein unschlagbares Argument und ein wertvoller USP, dass Facebook so einen enorm hohen Verbreitungsgrad hat. Man findet (fast) jeden und man findet zu fast jedem Thema eine Gruppe oder eine Seite. Das ist für Vernetzung und Austausch und für die Suche nach potenziellen Gessprächs- und Kooperationspartnern eine tolle Sache – ein Riesenpotenzial. Eigentlich.

© frogarts - Fotolia.com

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Ich hatte jetzt – wisst Ihr auch – ein bisschen Urlaub. Ich hatte ein bisschen Zeit bei Facebook zu stöbern und ich habe eine ziemlich gute Gruppe gefunden, die mich sofort interessierte: „Netzwerk Sozialarbeit / Sozialpädagogik“. Mit fast 10.000 Mitgliedern eine sehr lebendige und interessante Gruppe. Und wie schon der Name der Gruppe vermuten lässt, dient diese Gruppe dem Austausch zwischen Sozialarbeitern und Sozialpädagogen aus ganz Deutschland. Literaturempfehlungen, fachliche Fragen, Fragen zu Beschäftigungs- und Vergütungsangelegenheiten …. für fast alle Fragen ist Raum. Ich hielt und halte  es für eine gute Idee, in dieser Gruppe ab und an auf interessante Artikel in meinem Blog aufmerksam zu machen und neue Leserinnen und Leser für meine Seite zu interessieren – geht es bei mir doch auch um die Themen Sozialarbeit und  Sozialwirtschaft. Reaktionen auf einen Link zu meinem Blog haben mich jedoch sehr irritiert und nachdenklich gestimmt – werfen sie doch ein beklemmendes Licht auf unsere Zunft, die sich über weite Strecken immer noch davor scheut wichtige fachliche und gesellschaftliche Fragen ohne ideologische Scheuklappen zu diskutieren.

Ich möchte Euch ein paar Zitate  und Einschätzungen verschiedener Gruppenmitglieder (Sozialarbeiter / Sozialpädagogen) zu mir und meinem Blog  vorstellen:

Frank L.: „Ich bin erschrocken darüber, wie wenig doch das Bewußtsein darüber vorhanden ist, in welchem Widerspruch Soziale Arbeit und neoliberale Politik doch stehen. Wenn uns die Damen und Herren in weißen Hemden lächelnd von ihren Bewerbungsfotos angrinsen, dann grinsen dahinter Lobbyisten und die Fraktion der Sozialabbauparteien. Erkennt ihr nicht die Uniform? Erkennt keiner die narzisstische Egoshow der „Social Entrepeneurs“? Das sind alles nur weitere Versuche Soziale Arbeit ins Prekariat zu drängen und Kritik zu verhindern.“

Lothar J.: „Ich finde die „Verbetriebswirtschaftlichung“ der Sozialen Arbeit fragwürdig. Damit ist nicht gemeint, dass betriebswirtschaftliches Wissen (zu Deutsch: Know-How) nicht wichtig ist, dass z. B. der GF eines Vereins mit 150 Angestelten fahig sein muss, ein Budget erstellen zu können und eine Bilanz zu lesen. Mich stört die Denke, die hier Einzug gehalten hat, und die sich für mich sprachlich manifestiert: social entrepreneurship, stakeholder … „Indem wir die ideologisch aufgeladenen neoliberalen Begriffe verwenden, stabilisieren wir unbewusst ein System, das wir in dieser Form vielleicht gar nicht wollen.“ (Bernhard Heinzlmaier: Generation Ego). Ein anderer Österreicher hat das noch schöner gesagt, nämlich Karl Kraus vor rund 100 Jahren: „Mit Leuten, die das Wort „effektiv“ gebrauchen, verkehre ich in der Tat nicht.“

Lothar J.:“Oberlehrer, der ich halt bin, eine Literaturempfehlung (nicht nur) für alle Innovativen: Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. 
Ehrenberg beschreibt darin sehr ausführlich, warum die Depression zur weitweit am meisten verbreiteten Krankheit wurde: „Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.“ Die „Verpflichtung“ zu „Projekt, Motivation, Kommunikation“ als neue Schlagworte, zu Selbsoptimierung führe in die Erschöpfung.“

Frank L.: „Steht doch deutlich da: Unternehmer. Außerdem habe ich es gelesen. Bald kommen die ersten Angebote über Schulungen und Fortbildungen; bestimmt total innovativ. Ich mag nur diese Art von Selbstvermerktung nicht. (Ich bin übrigens seit 1995 Freiberufler und politisch aktiv. Das liest hier niemand von mir).“

Wenn da nicht auch viele positive Kommentare und Feedbacks gekommen wären, wäre ich ja nah dran an meinen Kolleginnen und Kollegen zu (ver-) zweifeln.

Eine Frage, die mich aber trotzdem umtreibt: Warum ist unsere Branche an diesem Punkt so anders als alle anderen? Warum lösen Begriffe wie „Unternehmer“, „social Entrepreneurship“, „social Business“, „Marketing“ u.ä. so heftige Reaktionen aus? Kennt Ihr ähnliche Befindlichkeiten bei anderen Berufsgruppen? Oder ist die Sozialarbeit (in ihrer Mehrheit) nur einfach noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen?

Was denkt Ihr?

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Seit November 2013 schreibe ich wöchentlich an meinem “Geschäftsführer-Tagebuch”. Warum ich das tue, könnt Ihr lesen, wenn Ihr H I E R klickt. Ich freue mich, wenn Ihr die Beiträge interessant findet und Ihr sie über Eure Kanäle (Facebook, Twitter  und Co.) teilt und verbreitet!

7 Gedanken zu “„Narzisstische Show eines Social Entrepreneurs“

  1. jeder bereich, der sich in irgendeiner form professionalisiert, kämpft mit denen, die etablierte strukturen bevorzugen – das ist in der täglichen vereinsarbeit genauso wie auf der metaebene, wenn es generell um die strukturen im NPO-bereich geht.

    und darin besteht – leider – auch die herausforderung. die skeptischen zu überzeugen, um sie zu werben – und zu hoffen, dass die nachwachsende generation die dinge anders betrachtet.

    ein in diesem zusammenhang sehr lesenswerter text ist dieser hier, http://kathrin.passig.de/texte/standardsituationen_der_technologiekritik.html, der sich zwar mit technologiekritik beschäftigt, aber in seiner logik durchaus auf den sozialen sektor übertragen lässt.

    „Es scheint derzeit etwa zehn bis fünfzehn Jahre zu dauern, bis eine Neuerung die vorhersehbare Kritik hinter sich gebracht hat. Die seit 1992 existierende SMS wird mittlerweile nur noch von extrem schlechtgelaunten Leserbriefschreibern für den Untergang der Sprache verantwortlich gemacht.“

    insofern wird es also noch 5-10 jahre dauern, bis sich das totschlagargument des neoliberalismus erübrigt …

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  2. Vielen Dank für Eure Kommentare und den „re-blog“….

    In der zitierten Facebook-Gruppe tobt nach der Veröffentlichung meines Beitrages schon wieder der Bär…. Ich habe zu der Diskussion dort direkt noch mal was geschrieben:

    Liebe KollegInnen – das interessante sind ja die Auslöser für bestimmte Diskussionen. In keinem meiner Blogbeiträge wird sich ein Hinweis darauf finden lassen, dass ich ein „Neoliberaler“ bin, dass ich für die „Betriebswirtschaftisierung“ der Sozialarbeit (was immer das sein soll) bin oder dass ich die Soziale Arbeit den Gesetzen des Marktes unterwerfen will…. All das sind Projektionen einzelner Leute, die ihr aus von mir gewählten Begriffen erschafft. Da gibt es einige, die sofort und reflexartig in altes „Klassenkampfvokabular“ und ideologisch geprägtes schwarz-weiss-denken verfallen. …. Der Vorwurf, ich würde Zitate aus dem Zusammenhang reissen ist nicht stichhaltig. Wer die Beiträge und die Dynamik der Diskussion (auch im Ursprungsthread) verfolgt, sieht, dass der Auslöser eine heftige Reaktion auf äußere Merkmale – z.B. mein Foto („Wenn uns die Damen und Herren in weißen Hemden lächelnd von ihren Bewerbungsfotos angrinsen, dann grinsen dahinter Lobbyisten und die Fraktion der Sozialabbauparteien. Erkennt ihr nicht die Uniform?“) und meine Berufsbezeichnung (Sozialarbeiter, Unternehmer, social entrepreneur) – war. Es fehlen allerdings vollständig alle Hinweise darauf, wo in meinem Blog es Belege dafür gibt, dass ich (wie Frank das so schön ausgedrückt hat….) für eine Position in unserer Gesellschaft stehe,die darauf abzielt „die Soziale Arbeit ins Prekariat zu drängen und Kritik zu verhindern.” Legt Eure Scheuklappen ab, liebe Kollegen und öffnet Euch dafür, dass die Welt (und auch die Sozialarbeit) bunt ist und es viele Wege gibt, Themen und gesellschaftliche Problemstellungen zum Wohle der Beteiligten und der Gemeinschaft zu lösen. Und hört auf alles wegzubeissen, was Eurem ideologisch gefärbtem Weltbild widerspricht.

    Hier der Link (weiss aber nicht, ob man das als „externe/r“ lesen kann..):

    https://www.facebook.com/groups/netzwerksozial/10152049841675811/?comment_id=10152070589205811&notif_t=group_comment

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  3. Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit und das Social Entrepreneurship stehen symbolisch für den stetigen finanziellen Rückzug des Staats bei der Lösung sozialer Probleme. Dabei sollte aber die offensichtlich vorhandene Aggression nicht auf diese beiden Lösungswege gerichtet werden, sondern auf die tatsächliche Ursache der Rückläufigen finanziellen Unterstützung sozialer Organisationen durch den Staat. Trotz des verfassungsrechtlich gesicherten Status der Sozialstaatlichkeit, entzieht sich die Politik und Verwaltung in zunehmenden Maße ihrer rechtlichen Aufgabe. Da sich die Soziale Arbeit jedoch nur sehr selten im Stande sieht juristisch gegen diese Vorgehensweisen entgegenzutreten (aus welchen Gründen auch immer), werden andere Maßnahmen ergriffen um das Überleben Sozialer Arbeit zu sichern.
    Das Social Entrepreneurship stellt einen von der Politik zunehmend unabhängigen und innovativen Weg dar. Der Staatliche Rückzug würde jedoch auch ohne diese neuen Unternehmensformen durchgeführt werden. Schlussendlich würden darunter vor allem die Klienten leiden, aufgrund eines abnehmenden Angebots sozialer Dienstleistungen.
    Ich denke vor allem die neue Generation der Sozialarbeits-, Sozialwirtschafts- und Sozialmanagementabsolventen sehen in der Ökonomisierung häufig auch Chancen das System Sozialer Hilfe durch innovative Ansätze zu verbessern und sich in zunehmenden Maße unabhängig von staatlicher Einflussnahme zu machen. Die Problematik dabei bleibt jedoch bestehen, dass mit der Abnahme staatlicher Refinanzierungsmöglichkeiten die Planungssicherheit abnimmt, die Abhängigkeit vom Wohlwollen gewerblicher Unternehmen zunimmt und die Finanzierungskonzepte komplexer werden.

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  4. Lieber Thomas,

    Ein wenig erfreut es mich ja, dass solche bunten, hippen, kreativen, draufgängerischen Sozialdingsmenschen derart spießig sind. Es wäre auch zu schade, wenn nach der Generation APO und Reformpädagogik heute eine Generation erwachsen werden würde, die nicht zur Spießigkeit fände (mich eingeschlossen).
    Am langweiligsten ist doch der eitle Irrglaube, Sozialdings käme langfristig ohne Marketingkram und Wirtschaftsdings aus. Statt diesen Umstand zu reflektieren und nach daraus resultierenden Chancen für sich selbst zu suchen, spielen einige offenbar lieber weiter Klassenkampf.
    Aus meinem Erleben sehe ich die großen Vorteile einer Kombination aus Business und Sozialdings. Natürlich wäre es schön, seinen Freunden im Park zu erzählen, man mache all das aus Nächstenliebe, innerer Mission und vor allem ohne die böse “Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit“. Aber wer zahlt dann die Miete – und Nein, ich meine nicht die für meine Wohnung, sondern die für Clearingstellen, Jugendfreizeit- oder Seniorenheime, für Schülerclubs, Kitas und auch mein Gehalt?

    Bitte sei weiter Entrepreneur, sei Kaufmann, sei Arbeitgeber – und bitte sei/bleib in allem gut, denn Klienten, Kunden, Gäste, Kollegen, Partner und dein Sozialraum brauchen langfristig funktionierende Soziale Arbeit!

    Zu deiner Beruhigung sei dir gesagt: Da, wo ich arbeite (eine Schule), hat man mehr Angst vor Sozialfuzzies als vor Businessfuzzies.

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    • Eine wunderbare Antwort auf die Bedenken! Klasse, Herr Unger! Und noch ein rein menschlicher Aspekt sei ergänzt: Als Kollegin/Mitarbeiterin fühle ich mich weitaus sicherer bei einem Verein der es versteht Business und Sozialdings zeitgemäß im Blick zu halten als eben nur Sozialdings im Kopf hat!

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