Die Macht der Worte… oder: der kleine, aber feine Unterschied zwischen „frei“ und „öffentlich finanziert“

GF-Tagebuch #26

In der letzten Woche bin ich auf einer Veranstaltung des Jugendamtes über ein neues „wording“ gestolpert: man sprach dort stets von „öffentlicher“ und „öffentlich finanzierter“ Jugendhilfe. Mit dieser Wortwahl sollte wohl die übliche Begrifflichkeit „öffentliche Jugendhilfe“ und „Jugendhilfe in freier Trägerschaft“ ersetzt oder umgangen werden. Diese Begriffswahl hat mich irritiert – und ein bisschen an alte Diskussionen in den 1990er-Jahren erinnert.

© fotomek - Fotolia.com

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Damals war (zumindest in unserem Bezirk) die Rolle der frei-gemeinnützigen Träger noch ziemlich unklar, ihr Stellenwert umstritten. Sehr stark lag der Fokus auf staatlichen Angeboten – freie Träger hatten bestenfalls die Funktion ergänzende Angebote – meist vollkommen unzulänglich finanziert – zu übernehmen. Dies hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten positiv verändert. Freie Träger – nicht nur – der Jugendhilfe sind wichtige Akutere geworden. Wir sprechen von „Kooperation auf Augenhöhe“ und verteilen die Aufgaben der öffentlichen und freien Anbieter nach fachlichen Gesichtspunkten.

Die Formulierung „öffentlich“ und „öffentlich finanziert“ stösst mir unangenehm auf. Ich finde, dass diese Unterscheidung nicht hilfreich ist – sie ist nicht mal eine richtige Unterscheidung. („öffentlich finanziert“ sind auch die im öffentlichen Dienst beschäftigten MitarbeiterInnen …). Sie steht für eine Haltung, die den Wert und die Bedeutung freier Jugendhilfe und einer in frei-gemeinütziger Trägerschaft organisierten Sozialarbeit nicht würdigt.

Für mich stellt  das Subsidiaritätsprinzip, das auch im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) durchgängig  betont und gewertschätzt wird, einen enormen gesellschaftlichen Fortschritt dar. Nur dort, wo Angebote frei-gemeinnütziger Träger fehlen und/oder nicht geschaffen werden können, sollen staatliche Angebote vorgehalten werden („Gewährleistungspflicht“). Das ist richtiger und positiver Ausdruck eines modernen Gesellschaftsbildes: nicht der Staat, sondern am Gemeinwohl orientierte, bürgerschaftlich organisierte Vereinigungen und Initiativen gestalten die Lebensbedingungen im Gemeinwesen. Das Gegenmodell zu einer Ideologie, die davon ausgeht, dass „Vater Staat“ weiss, was das Beste für die BürgerInnen ist – und entsprechende Angebote schafft – oder es bleiben lässt.

Der Begriff „öffentlich-finanziert“ ist aber auch sachlich falsch. Frei-gemeinnützige Organisationen akquirieren im erheblichen Umfang nicht-staatliche, also „nicht-öffentliche“ Finanzmittel, um Projekte und Angebote zu realisieren. Sie werben private Spendenmittel ein, finden private Stiftungen oder Sponsoren für Projekte und erwirtschaften Eigenmittel durch eigene Angebote und „Produkte“. Das Stadtteilzentrum Steglitz z.B. finanziert eine ganze Einrichtung in einem sozialen Brennpunktgebiet ausschließlich „privat“, also ohne staatliche Förderung. Das Sponsoring und die finanzielle Förderung durch eine Wohnungsbaugesellschaft macht dies  möglich….. Das am 1.7. startende Vorlaufprojekt zum bezirklichen SRL-Projekt wird zu rund 30% aus nicht-staatlichen Drittmitteln finanziert, die von den beteiligten freien Trägern eingebracht werden. Dieser – in seiner Summe und seiner Bedeutung nicht unerhebliche – Teil wird durch die unzulängliche Unterscheidung in „öffentliche“ und „öffentlich finanzierte“ Angebote nicht berücksichtigt und nicht gewertschätzt. Und weil ich das nicht akzeptabel finde, werde ich Sitzungen und Veranstaltungen auch weiterhin darauf hinweisen, dass wir im Jahre 2014 auch in der Frage der Bedeutung und Würdigung des Modells der freien Trägerschaft und der Nachrangigkeit staatlicher Angebote schon mal weiter waren……

Wie seht Ihr das?

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