Die Sache mit der Innovation…..

Think Outside The Box Torn Paper„Der soziale Sektor wird gemeinhin nicht für besonders innovativ gehalten. Belege für diese Einschätzung lassen sich schnell finden. Es ist zwar besonders in Deutschland ein Jammern auf hohem Niveau – aber es bleibt ein Jammern. Wer schon einmal einen Platz in einer Kindertagesstätte oder im betreuten Wohnen gesucht hat, kann ein Lied davon singen. Andernorts wiederum herrscht unübersichtliches Überangebot, wie etwa in bestimmten Bereichen der Jugendsozialarbeit. Gleichzeitig entwickelt sich im for-profit-Paralleluniversum eine neue Organisationsspezies, deren Mantra „Innovation & Change“ im sozialen Sektor scheinbar ungehört verhallt.“  

Mit diesen Worten beginnt die Kolumne von Philip Scherenberg, die auf der Seite von The Changer an D I E S E R Stelle dokumentiert wird. Ich möchte Euch sehr empfehlen, den ganzen Artikel aufmerksam zu lesen. Er regt zum Denken an….. 

Der Begriff „Innovation“ wird aktuell – das scheint der Zeitgeist zu sein – recht inflationär benutzt. Oft erlebe ich, dass dann teilweise relativ marginale Veränderungen und Angebots (weiter-) entwicklungen als „Innovation“ angepriesen und verkauft werden. Das halte ich für einen gefährlichen Weg. Gefährlich v.a. für die soziale Organisation selbst, die sich durch solches Denken und Handeln selbst belügt und sich damit den Zugang zu echter Innovation selbst verbaut.

Innovation muss – glaube ich jedenfalls – immer radikal und konstruktiv zerstörerisch sein.

  • nicht eine verlängerte Kitaöffnungszeit oder eine 24-Stunden-Öffnung ist innovativ. Innovation fragt: Wie werden unsere  Kinder ihre Kinder in 10, 20,  25 Jahren betreuen oder betreuen lassen? Welche Angebotsformen werden wir erleben, wenn es Kitas in der jetzigen Form nicht mehr gibt? Was müssen das für Organisationen oder Einrichtungen sein, die solche Angebotsformen entwicklen und realisieren können?
  • nicht ein neues Konzept für die sozialräumliche Öffnung von Jugendfreizeiteinrichtungen ist innovativ: Innovation fragt: Wie werden Jugendliche aufwachsen, wenn wir das jetzige System der Trennung von schulischer Bildung und ausserschulischer Freizeitgestaltung überwunden haben.
  • nicht bunte Seniorenhäuser mit wöchentlichen Kita-Kinder-Besuchsprogramm und Ü-70-Partys   sind innovativ.Innovation fragt: Wie werden alte Leute sich selbst in 10, 20, 25  Jahren organisieren und welche Auswirkungen auf die Arbeitswelt, auf die Wohnungspolitik und die Gestaltung des öffentlichen Raums dürfen wir vor diesem Hintergrund erwarten? Welche Aufgaben und Chancen ergeben sich daraus für unsere soziale Organisation?

Henry Ford wird zitiert mit dem Satz: „Wenn ich gefragt hätte, was die Leute wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde„. Schnellere Pferde sind nicht innovativ. Die Erfindung des Autos war es allemal.

Meine Frage an Euch: Wie geht Ihr in Eurer Organisation mit dem Thema „Innovation“ um? Welche Arbeits- und Denkformate brauchen Organisationen und soziale Unternehmen, um Innnovationsfähigkeit herzustellen und  zu abzusichern?

Ich freue mich auf eine lebendige Diskussion!

13 Gedanken zu “Die Sache mit der Innovation…..

  1. Ein sehr schöner und insbesondere schlüssiger Beitrag.

    Ich denke das von dir angesprochende Problem existiert nicht nur im sozialen Bereich. Sondern es durchzieht alle Branchen.

    Auf den Punkt gebracht lassen sich Innovationen nur mit den richtigen Mitarbeitern bezwecken. Jedes Unternehmen würde sich glücklich schätzen, wenn es einen sogenannten „Innovationsantreiber“ im Unternehmen hat. Natürlich muss dabei auch die Unterstützung der Leitung vorhanden sein, so dass die Ideen auf fruchtbaren Boden treffen können und sich entwickeln.

    Wie Hendrik schon sagte, ist es ebenfalls wichtig, dass Innovationen scheitern können. Wie hat schon Thomas Edison gesagt:

    I have not failed. I’ve just found 10,000 ways that won’t work.

    Genau daran scheitert es in vielen Bereichen in unserer Gesellschaft. Häufig ist der Antreiber dann „gebrandmarkt“ und wir kommen wieder in den Bereich wo alle „Jammern“. Aber keiner möchte mehr etwas verändern.

    http://www.dersozialeunternehmer.de

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  2. die Begeisterung für „radikal und konstruktiv zerstörerisch“ verträgt sich schwer mit Befürchtungen möglicherweise Objekt der Zerstörung zu sein.
    Mit dem Begriff Innovation wird in der Sozialwirtschaft oft nur die Erfahrung von Sparen und Kürzen („Dekonstruktion“) verbunden. In der Folge werden Versuche sich mit neuen Konstruktionen auf veränderte Aufgaben und Rahmenbedingungen einzustellen oft eher abgewehrt statt geprüft.
    In der Folge werden selbst langsame Veränderungen als fremdbestimmte Überraschungen wahrgenommen und schon gibt es wieder solide Gründe bei der nächsten Veränderung in Abwehrstellung zu gehen.
    Tragischer Kreislauf.

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  3. Lieber Thomas,
    hab Dank für Deine Gedanken zum Thema Innovation in der Sozialbranche (schon das Wort „Branche“ klingt nach Schublade oder Ablagefach). Wie ich an den teils sehr ausführlichen Kommentaren sehen kann, trifft das Thema auf großes und vor allem tiefes, echtes Interesse.

    Ich persönlich komme in meiner Auseinandersetzung mit dem Thema (und ein Stück dieses Weges habe ich ja in Deiner guten Gesellschaft beschreiten dürfen) immer mehr zu dem Schluss, dass Innovation nicht zu erzwingen ist. Der Begriff Management beinhaltet hier also auch so etwas wie Behutsamkeit.
    Alles hat seine Zeit, und aus einem Pfirsichkern wird, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, ein Pfirsichbaum – nichts anderes. Wir können heute nicht das Auto und auch nicht die Kita für das Jahr 2040 erfinden, jeder Versuch wäre zum Scheitern verurteilt.
    Als guter Gärtner/Manager, der Du bist, weißt Du aber, dass Du den Pfirsichkern in fruchtbarem Boden pflanzen musst, ihn schützen und gießen solltest und, wenn seine Zeit gekommen ist, ihm Raum geben musst. Innovationsfähige Unternehmen schaffen Raum für Ideen, bieten fruchtbaren Boden und sind bereit, wenn die Zeit da ist. Wenn Flüchtlinge zum Beispiel, oder Kinder, Familien und andere gesellschaftliche Gruppen Lösungen brauchen, die unter den heutigen Rahmenbedingungen funktionieren.

    Angela Merkel hat einem weinenden Flüchtlingskind gegenüber hilflos und überfordert reagiert – wie viele andere es ebenso getan hätten. Dafür hat sie Spott kassiert, doch ein paar Tage später wurden parteiübergreifend andere, vernünftige Regelungen für minderjährige Flüchtlinge diskutiert. Mit ihrer authentischen Reaktion hat sie vielleicht mehr bewirkt, als mit irgendetwas, was wir als „angemessen“ wahrgenommen hätten. Bilder bewegen und ändern unseren Blick und die ganze Gesellschaft. Die Zeit ist reif für viele Themen. Prinzipien sind jetzt wichtiger als Ziele. Die Innovationen werden kommen, das tun sie täglich. Wir müssen jetzt bereit sein.

    Beste Grüße an Dich und Deine Leser/innen!

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  4. „◾nicht eine verlängerte Kitaöffnungszeit oder eine 24-Stunden-Öffnung ist innovativ. “ Stimmt! Das wäre dann nur die altbekannte und oft schlechte Arbeit, nur länger…“Getretener Quark macht breit, nicht stark!“, pflegte mein ehemaliger Pädagogiklehrer zu sagen. Ich glaube, Innovation gerade im päd. Bereich braucht eine Revolution in den Köpfen. Mit den alten Rollenbildern von Mann und Frau / was ist Familie und dem alt hergebrachten Verständnis von Kindern und Kindheit kommen wir nicht weiter. Und so lange, wie es z.Bsp. im Hort einen Mädchentag gibt, an dem sich alle Mädchen schminken und die Nägel lackieren dürfen (ahhhh!), und die Toleranz für verschiedene Familienkonstellationen nur oberflächlich ist, ist neues Denken schwer möglich. Ich hoffe auf ein paar revolutionäre Pädagogen, die Mut und Ausdauer haben und bei den Kindern anfangen. Bei den Alten ist wahrscheinlich Hopfen und Malz verloren…letzte Woche flippte eine ältere Frau aus und brüllte mich an, warum ich nicht meinem Kind selber schwimmen beibringe, sondern ein Schwimmlehrer das macht! Kurz zuvor war eine Mutter, Mitte Vierzig empört, warum ich mein Kind habe „fremdbetreuen“ lassen, während ich mit drohender Fehlgeburt 8 Monate liegen musste. Auch das Argument, dass das Kind von stets den gleichen Erziehern, die es sehr mochte, betreut wurde, nur eben bis abends, half nicht. Rabenmutter. Aber faul bin ich auch, weil ich nicht mehr 50 Stunden pro Woche arbeite…wenn ich das tun würde, müsste ich noch mehr fremdbetreuen lassen, aber es wäre mit dem aktuellen Betreuungsangebot vielleicht auch eine Zumutung für die Kinder.
    Im Übrigen würde ICH gerne ein Haus haben, in dem vom Windelpupser bis hin zum Senior alle den Tag gemeinsam verbringen. Großfamilie im größeren Rahmen mit allen Vorteilen aber auch Herausforderungen. Die Unterteilung in Betreuung nach Alter und dann mit oder ohne offene Arbeit, mit Bioküche und dann keine Bioküche aber altershomogen….es nervt! Warum gibt es nicht so einen Test für kitawillige Eltern „Welcher Typ ist ihr Kind? Biologisch-dynamisch oder doch eher konservativ introvertiert mit Hang zur Altershomogenität? Multireligiös oder mehr politisch-korrekt?“? Die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mal wieder über die Wirtschaftlichkeit und die Bequemlichkeit der Erzieher stellen? Menschsein akzeptieren und nicht das Ziel haben, zwanzig gleiche Pinguine zu basteln! Seit über zwanzig Jahren steht für mich die Frage „ist Erziehung zur Demokratie möglich“ im Raum. Möglich oder erwünscht? Erziehung zur Demokratie ab der Kita wäre mal innovativ!

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  5. Innovation in der Integration

    Wir „denken“ die Integration der Familien, die da zu uns kommen, aus unserer eigenen Perspektive, aus der des traditionellen Familien-Settings (ich bin Laie, heißt das so?). Ich finde, es lohnt sich, diese Perspektive einmal über Bord zu werfen.

    Die Tage kam mir die Frage in den Sinn, ob es bei der Flüchtlingsintegration nicht viel effizienter sein könnte, in den Flüchtlingsfamilien die Kinder (Jugendlichen) zu priorisieren und die Integration ihrer Eltern nachrangig zu denken. Also: zuerst zu fragen, welche Förderungen und welche Forderungen den Kindern den schnellsten Zugang in die Gesellschaft verschaffen. Und danach die Position ihrer „Supporter“ abzuwägen.

    Worüber wohl Einverständnis herrschen dürfte: Kinder lernen die neue Sprache viel schneller als ihre Eltern. Sie verstehen die neue Gesellschaft viel eher, weil sie neugierig sind und weil sie viel weniger blockierende oder gar dogmatisch unüberwindbare Prägungen haben. Sie sind ja sowieso dabei, die Welt – ihre Welt zu erfahren.

    Anders ihre Eltern. Diese müssen Abschied vom gewohnten gesellschaftlichen Funktionsschema nehmen, müssen Rollenbilder infrage stellen, müssen Dogmen für ungültig erklären unter denen sie konditioniert worden sind, müssen ihre achievements aufgeben und wieder in die Rolle der Lernenden, Unmündigen schlüpfen.

    Und dabei das Gefälle zwischen Erziehenden und zu Erziehenden bewahren. Das kann schnell zu objektiver Unmöglichkeit ausarten. Die Folgen sehen alle, die sich mit Flüchtlingsarbeit beschäftigen.

    Wie könnte man eine solche andere Integration „machen“?

    Alles kann erst gut funktionieren, wenn die Familien und besonders deren Kleinste unbelastet von Traumata sind. Man könnte also die psychische Betreuung zuerst auf die Kinder abstellen, ihnen dabei helfen, Angst loszuwerden und Sicherheit zu empfinden. Hier kann jede Minute therapeutisches Angebot vielfach wirken, davon bin ich überzeugt.

    Dann brauchen wir Angebote, die aus der Pädagogik bekannt sind und ihre Effekte unter Beweis gestellt haben: zahlreiche Angebote für Kinder, sowohl innerhalb der Flüchtlingsheime als auch außerhalb, nämlich in der Gesellschaft, zeigen doch bereits immer wieder positiven Effekt.

    Nächster wichtiger Schritt wäre, die ihren Fähigkeiten angemessene Bildungseinrichtung für die Kinder zu ermitteln. Auch hier lohnt sich jede Minute, die man in die Anamnese steckt, die zu einer klugen Einschätzung beiträgt. Willkommensklassen sind gut, aber sie sind eher wie eine gleichmachende Auffangstation. Da muss weiter entwickelt werden.

    Eine Idee wird in der Oberpfalz, in Schwandorf mit Erfolg durchgeführt: Jugendliche besuchen die Berufsschulen – egal ob mit oder ohne Aufenthaltsstatus – lernen Job und Sprache gleichzeitig und bekommen qualifizierte Abschlüsse. Und ihre psychologische Situation wird berücksichtigt. Was kommt aus dieser Institution heraus? Menschen mit Hoffnung und mit Perspektive.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich muß dies alles zusammen mit den Eltern und mit deren Zustimmung vereinbart werden. Von staatlicher / gemeinnütziger Persönlichkeitsplanung halte ich nichts.

    Was könnte man also gewinnen?

    Eltern, die den Optimismus ihrer Kinder erleben, die deren Selbstverständlichkeit im Umgang mit Nachbarn, ja der ganzen Gesellschaft sehen. Sie bauen Misstrauen ab und öffnen die letzte innere Tür, jene die von Skepsis verschlossen war. Sie lernen dann um so leichter, ganz oft sogar schon von ihren Kindern. Und sie finden ihren Platz in unserer Gesellschaft.

    Ist das zu naiv gedacht?

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    • Ich finde all Deine Gedanken sehr plausibel und richtig. Im Ansatz sehe ich solche Versuche auch in der Praxis schon: Willkommensklassen sind ein Versuch, besondere Formate zu schaffen, die das ankommen im System Schule erleichtern sollen. Und naturgemäß richten sich diese Angebote primär an Kinder und Jugendliche. Einen Schritt weiter geht das Programm der „Ferienschulen“. In den Schulferien werden die (dann leerstehenden) Räume von Schulen genutzt um mit Kindern UND ihren Eltern spielerisch und ohne „starre Reglementierung“ in einen Kontakt zu kommen, der den Einstieg in unser Bildungssystem und spätere Lernerfolge erleichtern soll. ….. Das Stadtteilzentrum Steglitz wird ein solches „Ferienschulprojekt“ in den Herbstferien in einer Grundschule in der Nähe der geplanten Containersiedlung Ostpreußendamm anbieten.

      Das ist – finde ich – schon mal ein guter Einstieg…… aber nicht wirklich innovativ. Wir müssen wahrscheinlich noch weiter denken und gehen, wenn wir langfristig zu guten Ergebnissen in der Integration von Flüchtlingen kommen wollen…… Allerdings besteht wahrscheinlich aktuell noch nicht einmal Einigkeit in der Frage, was hier ein „gutes Ergebnis“ sein könnte….

      Viele Grüße zum Abend…… Thomas

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  6. Nur kurz: Innovationen brauchen die Möglichkeit, scheitern zu können! Das ist in unserem Bereich nicht vorgesehen. Aber sonst: danke für den Artikel, ich muss noch weiter darüber nachdenken…

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