„…fast wie 1986. Nur ganz anders….“

IMG_0241Ich erinnere mich noch ziemlich genau, und es löst immer wieder ein inneres Schmunzeln in mir aus: Am Silvesterabend 1986/87 war alles wie gewohnt, inklusive der jährlich anstehenden Ansprache des Bundeskanzlers, damals war es Helmut Kohl. Dass er den Bürgerinnen und Bürgern ein „frohes 1986“ wünschte, wirkte wie ein trotteliger, kleiner Versprecher. In Wirklichkeit war es eine der größten TV Pannen im Deutschen Fernsehen, die Videokassette mit der Ansprache war vertauscht worden. Es lief die vom Vorjahr.

Die traurige, aber irgendwie und auf eine gemütliche Art auch beneidenswerte Erkenntnis: Kohl hatte wenig Neues zu sagen, die Reden über 1985 und 1986 waren bis auf wenige Sätze austauschbar. Manche Zuschauer bemerkten den Fehler deshalb noch nicht einmal, nachdem sie sowohl die korrekte Fassung im ZDF als auch die Wiederholung der falschen Fassung eine Stunde später in der ARD verfolgt hatten.

Was müssen das für ruhige Zeiten gewesen sein, in der kaum auffällt, ob jemand den Lauf des zurückliegenden oder des vorvergangenen Jahres beschreibt? Heute frage ich mich, könnte uns das passieren? Organisatorisch muss ich sagen: Ja. Fehler passieren jedem, und uns zeichnet aus, dass wir dafür (meines Wissens nach) noch niemandem sprichwörtlich den Kopf abgerissen haben. Aber mal im Ernst, in der Sache wäre so ein Vorgang völlig ausgeschlossen. Unser Verein wurde zehn Jahre nach der komischen TV Panne gegründet, und seitdem verlief für uns kein Jahr wie das andere. Oder?

Das zurückliegende Jahr (um Verwechslungen vorzubeugen: Ich spreche über 2015!) war nicht nur für uns, sondern für weite Teile unserer Welt geprägt von der Flucht vieler Menschen vor Krieg, Verfolgung und Hunger. Wer flieht, möchte wahrscheinlich vor allem eines – ankommen, in Sicherheit und Unversehrtheit. Dies ist die Berliner Perspektive. Wir hier nehmen ja weniger die Flucht der Menschen wahr, als ihre Ankunft bei uns. Und darauf reagieren wir vollkommen unterschiedlich … nur ignorieren, das gelingt bei rund 70.000 Angekommenen kaum einem. Nicht wenige Menschen sind verunsichert und sie fragen sich, was die Veränderungen für sie persönlich mit sich bedeuten werden. Andere packen an und helfen, spenden Kleidung oder andere Dinge, stehen als Ehrenamtliche bereit und engagieren sich in der Nachbarschaft von Notunterkünften. Und irgendwie erkenne ich mich in beiden Haltungen wieder, denn ich habe gelernt, dass Angst und Unsicherheit verschwinden, wenn ich eine Situation aktiv anpacke, am besten gemeinsam mit anderen. Aus Sorge kann dann Zuversicht werden.

Und das Stadtteilzentrum Steglitz e.V.? Wir machen das, was wir immer tun: Helfen. Seit 20 Jahren sind wir für Kinder da, wenn sie uns brauchen, für Jugendliche und für Familien. Dies immer ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Geschichte. Also helfen wir auch denen, die gerade angekommen sind, und eben davon war das zurückliegende Jahr geprägt.

Bei uns im Stadtteilzentrum Steglitz mit all seinen Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Unterstützern, Anwohnern, vor allem aber mit den Kindern, Jugendlichen und Familien, die unsere Arbeit prägen, ob beheimatet oder auf der Flucht, war in diesem Jahr vieles neu – und doch irgendwie wie immer. Fast wie 1986, nur ganz anders.

——–

Dieser Beitrag wurde von Oliver Schmidt für als Grußwort der Geschäftsführung auf der Website  des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. verfasst. Weil es so schön ist, möchte ich es hier unter Angabe des tatsächlichen Verfassers noch einmal veröffentlichen! Danke, Oliver!

Alles Lesern ein erfolgreiches und gesundes Jahr 2016!

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