Ehrenamt in der Arbeit mit Geflüchteten: „Hilfe“

wpid-img_20140119_113526.jpgVon Zeit zu Zeit biete ich Gastautoren, die sich mit ähnlichen Themen wie ich beschäftigen,  die Möglichkeit,  ihre Beiträge auf meinem Blog zu veröffentlichen. Heute schildert Werner Burmeister, Leiter einer Notunterkunft für Geflüchtete in Berlin, seine Erfahrungen im Spannnungsfeld der Arbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit. Werner schildert seine Eindrücke, seine Meinung. Das sind nicht meine Eindrücke, ich habe keine Meinung dazu – denn ich kenn die Situation vor Ort nicht. Vielleicht ist seine Schilderungen nicht repräsentativ. Vielleicht  doch? Auf jeden Fall bietet dieser Gastbeitrag eine Menge Diskussionsstoff! Ich freue mich auf Eure Kommentare und Meinungen.

„In Berlin stehen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer der den professionellen Betreibern von Unterkünften für Flüchtlinge in herzlicher Feindschaft gegenüber. Woran liegt das, und wie können wir jetzt, da sich aus dem Chaos heraus erste Strukturen langsam entwickeln, zusammenarbeiten?

Mein Name ist Werner Burmeister, ich habe das Willkommensbündnis Frohnau mitgegründet und leite selbst als Angestellter eines Sozialträgers eine Notunterkunft für Geflüchtete. Das stimmt allerdings nur im Prinzip, denn um die Balance in dem Ortsteil, in dem ich tatsächlich arbeite, nicht zu gefährden, schreibe ich hier unter anderem Namen, auch Ortsangaben sind geändert. Alles andere ist echt und hat mich in den vergangenen Tagen bewegt und überrascht.

24 Stunden in meinem Doppelleben als Mitglied im Willkommensbündnis und Leiter einer Notunterkunft. Montag Abend, Treffen des Willkommensbündnis Frohnau, auf der Tagesordnung stehen die Planung von Willkommensaktionen sowie der Besuch der Integrationssenatorin Dilek Kolat. Der Plan, Geflüchtete mit Aktionen willkommen zu heißen scheitert trotzt oder gerade wegen stundenlanger Diskussion auch an der Kleinteiligkeit des Angebots (Umnähen nicht passender Kleidung, Konversationskurs Englisch), dafür steht aber recht bald die Mängelliste, die Frau Kolat unbedingt übergeben und mit ihr besprochen werden soll: Die Kleiderkammer eines Erstaufnahmelagers des DRK ist chaotisch, auch dessen Kinderbetreuung funktioniere nicht optimal. Die Runde beschließt, für jede der drei ortsansässigen Heime Vertreter zu bestimmen, die die tatsächlichen oder vermeintlichen Interessen der Geflüchteten beim Ortstermin zur Sprache bringen. Von den Betreibern selbst ist niemand anwesend.

Am nächsten Tag besucht der Flüchtling Merza meine Einrichtung, er lebt in einer Notunterkunft in der Nähe, spricht perfekt Farsi und Deutsch und wird uns in den nächsten Tagen bei unserer Arbeit unterstützen. Begleitet wird er von Michaela, einer Ehrenamtlichen aus Frohnau. Ohne weitere Umschweife beschreibt Michaela ungefragt die Umstände in Merzas Turnhalle, in der 200 Personen in Doppelbetten leben, als unzumutbar, den Betreiber als unfähig und beschwert sich, dass der Heimleiter nicht auf ihre dringend geäußerte Bitte, bestimmte Mitarbeiter umgehend zu entlassen, hört. Michaela hat inzwischen Hausverbot in der Notunterkunft.

Letzte Szene: Ins Bezirksamt Reinickendorf hat ein Integrationsverein alle Betreiber geladen, die mit dem Thema Willkommensklassen befasst sind, zu Gast sind Vertreter des Schulamtes und es geht um die Vereinfachung und Beschleunigung von der Einschulung. Wie üblich stellen sich zunächst alle vor. Eine Notunterkunft, in der ausschließlich Erwachsene leben und die vermutlich deshalb gar nicht eingeladen war, wird vertreten durch eine Ehrenamtliche, und auch sie hat wenig Gutes über „ihre“ Einrichtung zu erzählen. Ob sie die Einrichtung tatsächlich vertritt, oder eher engagierte Anwältin der Geflüchteten ist, oder eigene Interessen hat, wird an diesem Abend nicht in Frage gestellt.

Warum ist das so? Und muss das so sein? Bei der Gründung des Willkommensbündnis Frohnau dachte ich noch, es ginge um die Bildung ganz eigener Strukturen, die die offizielle Notversorgung ergänzen können: Gründung von Treffpunkten in eigenen Räumen, Veranstaltungen, Aufbau von Deutschkursen, Sportevents und Willkommensfeiern. Das Bündnis aber verliert sich über die folgenden Wochen schnell in bürokratischem Kleinklein, der Aufbau einer Internetseite und eines E Mail Verteilers nimmt großen Raum ein. Eigene Angebote, Räume und Veranstaltungen traut man sich nicht zu, also nimmt man sich das, was da ist: Die Hallen, Räume und Strukturen der Betreiber, der Konflikt ist damit vorprogrammiert. Im täglichen Zusammenspiel ist es jetzt wie mit den Kleiderspenden, gut gemeint ist nicht immer gut und manchmal wünscht man sich als Betreiber, lieber einmal für 1.000 Euro einkaufen gehen zu können, als tagelang aus Koffern Handtaschen, schlecht gewaschene Unterhosen und Karottenjeans auszusortieren. Geflüchtete, gerade junge Menschen,  haben nicht selten gute Sachen an und besitzen Smartphones. Ihre Armut besteht darin, dass sie keine Eltern und keine Zuversicht haben – sie brauchen aber keine 30 Jahre alte Unterwäsche. Auch in anderen Bereichen schätzen Ehrenamtliche den Bedarf oft falsch ein, meinen es aber gut. Statt Einladungen zu Essen oder Basteln, wo Dolmetscher organisiert werden müssen, benötigt unsere Halle dringend Ärzte und Rechtsanwälte, die regelmäßig fachkundig zur Verfügung stehen. Die melden sich zum Glück auch und sind unglaublich hilfreich.

Werden Angebote jetzt aber abgelehnt, Kleidung wieder zurückgegeben oder Zugang zur Einrichtung aus organisatorischen Gründen verwehrt, ist die Verstimmung groß und der Grundstein für ein schlechtes Verhältnis zwischen Ehrenamtlichem und Betreiber gelegt.

Die Szene der organisierten und unorganisierten Ehrenamtlichen ist schillernd. Da gibt die Anpacker, aber treffender muss man sagen Anpackerinnen. Denn es sind häufig Frauen, die entweder nicht oder halbtags im Berufsleben stehen und viel Zeit in Einrichtungen bei Deutschkursen, in der Kinderbetreuung oder anderen Diensten verbringen. Sie begleiten Flüchtlinge zum Amt, machen Arzttermine und besorgen, nach Möglichkeit, Wohnungen. Die Anpackerinnen trifft man nicht in Diskussionsrunden, dafür fehlt die Zeit.

Darüber hinaus gibt es Vereine, die Übersetzer, Integrationslotsen und andere Hilfen effizient organisieren und zur Verfügung stellen, sie sind nicht selten tragende Säulen in den Bezirken.

Und es gibt diejenigen, die selbst wahrgenommen werden wollen und die, man muss es so sagen, Hilfe suchen. Ihre Angebote sind häufig kombiniert mit einem hohen Eigenbedarf an Zuwendung und Übersetzung. Wird die Hilfe zur Hilfe zurückgewiesen, weil Ressourcen schlicht fehlen, wird aus dieser Zurückweisung häufig Gegnerschaft.

Dieser Ehrenamtsszene stehen Betreiber gegenüber, deren Gesamtschau nicht weniger different ist: Das sind zunächst die großen Träger der freien Wohlfahrtspflege, zunehmend betreiben auch kleiner Sozialvereine und –unternehmen Unterkünfte für Geflüchtete. Aber auch Caterer und Sicherheitsfirmen werden vom Senat beauftragt, einige Betreiber stehen nun im Ruch der Geschäftemacherei mit der Not hilfebedürftiger Menschen. Und tatsächlich ist der Betrieb einer Unterkunft unter Umständen mit Gewinn möglich. Aber nicht nur für Betreiber entstehen neue Geschäftsmodelle, Kundensegmente und Märkte. Auch Möbelausstatter, Immobilienverwalter, Handwerksbetriebe, Caterer, Sicherheitsunternehmen und Bildungsinstitute kommen mit der Akquise von Personal kaum noch hinterher, die Auftragslage ist gut wie nie. Vom Goldrausch ist die Rede, ein Konjunkturprogramm ist es mindestens.

Die Wahrheit ist wahrscheinlich, wie in jedem Geschäft, vielschichtig. Unbestreitbare Tatsache ist aber, dass Professionalität im Management, und dazu gehört auch die Absicherung stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse, Voraussetzung dafür ist, dass ein Auftrag vernünftig ausgeführt wird. Das gilt für jeden Klempner, Bäcker oder Zahnarzt ebenso wie für den Betreiber einer Notunterkunft. Diese Branche trifft nun frontal auf Menschen, die wirtschaftliche Infrastrukturen nicht als Möglichkeit sehen, sondern für die die Begriffe „helfen“ und „Geld“ einander schlicht ausschließen.

Die Mutter aller Konflikte sind möglicherweise die Zustände des vergangenen Jahres am LaGeSo, die nicht nur unwürdig, sondern gefährlich waren. Hier erkannten Ehrenamtliche von „Moabit hilft“ die Notwendigkeit, Flüchtlinge vor offiziellen Strukturen zu beschützen und gerieten so in diese merkwürdige Zwitterposition, das LaGeSo in seiner Arbeit zu unterstützen und gleichzeitig zu bekämpfen. Die daraus zwangsläufig resultierende Haltung scheint sich in Berlin fortzusetzen, oder sie ergibt sich möglicherweise aus den immer gleichen Umständen immer wieder neu. Der Betreiber einer Halle mit 200 Geflüchteten hat schlicht keine Chance, wirklich würdige Umstände herzustellen, egal wie viel Hilfe und Geld er zur Verfügung hätte. Er hat sich aber in der Regel dafür entschieden, es so gut wie möglich zu machen.

Was tun?

Ehrenamtliche sollten sich die Mühe machen, den offiziellen und tatsächlich oft mangelhaften Strukturen alternative Angebote für Geflüchtete zu machen. Geflüchtete müssen jetzt in die Sportvereine, auf die Straßenfeste und in die Kirchengemeinden (ja, Muslime besuchen sehr gerne Veranstaltungen christlicher Kirchengemeinden, zum Beispiel Weihnachtsfeiern und St. Martins Umzüge, sie gehören zu meinen schönsten Erlebnissen).

Betreiber müssen den Dialog mit Ehrenamtlichen führen und aushalten – und dabei ehrlich sein, auch wenn es manchmal weh tut. Beide müssen miteinander reden, nicht übereinander.

Und eine Gruppe Ehrenamtlicher, vielleicht die wichtigste, dürfen wir nicht vergessen: Es sind die Geflüchteten selbst, die helfen wollen und dankbar sind für jeden Anlass, ihre Unterkunft mit gutem Grund für ein paar Stunden zu verlassen. Wir brauchen diejenigen, die schon ein halbes Jahr oder länger hier sind, Englisch und etwas Deutsch sprechen. Sie teilen die Erfahrungen der Neuankömmlinge, sind aber schon entscheidende Schritte weiter, kennen die Behörden und wissen, wo es gute Deutschkurse gibt. Sie bilden eine Brücke zwischen Geflüchteten und Sozialarbeitern. Die Turnhallen sind voller Menschen, die darauf warten, endlich um Hilfe gebeten zu werden.“

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