Perspektive auf Augenhöhe

© Trueffelpix - Fotolia.com

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Ich sehe das Unternehmen Stadtteilzentrum Steglitz e.V., das ich als Geschäftsführer steuern, managen, führen und leiten darf, (fast)  immer nur aus der Geschäftsführer-Perspektive. Ich treffe jeden Tag Entscheidungen und bin stets bemüht, diese so zu treffen, dass die Interessen des Unternehmens und die Interessen aller Beteiligten (Mitarbeitende, Entscheidungsträger, Kunden, Kooperationspartner – also der Stakeholder und der Shareholder) in einer guten und vernünftigen Balance  berücksichtigt und gewürdigt werden. Und das ist heftig schwer.

Mitarbeitende nehmen (in den allermeisten Fällen) die Dinge aus einer anderen – nämlich  aus der Mitarbeiterperspektive – wahr. Kunden aus der Kundenperspektive. Kooperationspartner aus der Kooperationspartnerperspektive. Entscheidungsträger aus der Entscheidungsträgerperspektive. Und da jede/r seine Perspektive und Wahrnehmung als DIE reale Realität definiert, sind Kommunikations- und Verständnisprobleme vorprogrammiert:

Ich kaufe Apple-Rechner für die Geschäftsstelle, weil mir Windowsrechner aufgrund des hohen Wartungs- und Instandhaltungssaufwands zu teuer sind. Ich kann mir billige Rechner nicht leisten. Mitarbeitende stutzen und sagen „Hey – keine Kohle für eine Gehaltserhöhung, aber Apple-Rechner kaufen….“ … Ich reiss mir den Hintern auf, damit wir auch wirtschaftlich attraktive Projekte und Einrichtungen an Land ziehen….. die „Zuschauer“ zaudern und mahnen Zurückhaltung an – womöglich kostet Innovation,  Akquise und Projektaufbau erstmal Geld… – sollte das nicht in die bestehenden Projekte und Einrichtungen investiert werden…? Und: Darf eine soziale Organisation überhaupt unternehmerische  Risiken eingehen – oder ist das im karitativ-gemeinnützigen Bereich verpönt und abzulehnen?

Ich habe dazu eine Haltung: Soziale Unternehmen funktionieren an diesem Punkt  genau wie jedes andere Unternehmen: eine Chance zum (langfristigen) überleben hat nur, wer mittel- und langfristig nicht mehr Geld ausgibt, als er einnimmt – und wer die Gelder, die er einnimmt, so einsetzt, dass ein Höchstmaß an Zufriedenheit bei Stake- und Shareholdern erreicht und ein Maximum an Zukunftssicherheit realisiert wird. Klingt banal. Ist aber in der Umsetzung alles andere als das…. Und: Nicht jede/r versteht das sofort. Es braucht hierzu viel Kommunikation und Transparenz.

Im Stadtteilzentrum Steglitz e.V. versuchen  wir  ein Höchstmaß an Transparenz herzustellen. Wir reden offen über (so ziemlich) alles – z.b. in den verschiedenen (internen) AGs : AG Vergütung, AG Qualität, AG Gesundheit, AG Kundenbefragung, Teamsprecherrunde, Projektleiterrunde……u.v.m.  Wir haben transparente Kommunikationsstrukturen und Tools (z.B. yammer) und ein plausibles System des Informations- und Wissensmanagements (z.B. Evernote-Businessaccount) . Und dennoch: Wir sind weit davon entfernt so richtig vollumfänglich gut zu sein. Mitarbeitende sind mitunter unzufrieden, weil sie mit Entscheidungen nicht einverstanden sind, nicht alle wollen (oder können) an der unternehmsinternen Kommunikation teilnehmen. Manche (nicht die Mehrheit) sind misstrauisch  weil sie vermuten und befürchten, dass die Leitung des Vereins „böses im Schilde“ führt und es ihnen in anderen Unternehmen womöglich besser gehen würde…… Offensichtlich ein Kulturproblem…… Wie löst man das? Wie ermöglicht man hier einen „Perspektivwechsel“.

Ich überlege, ob ich in allen Teams mit dem Film „Augenhöhe“ aufschlagen sollte…… Vielleicht ein guter Einstieg, um eine Diskussion anzuzetteln und mit den KollegInnen neue Wege der Zusammenarbeit zu spinnen, Vertrauen zu fördern, zu Perspektivwechseln ermutigen.

 

Wie läuft das eigentlich in Euren Unternehmen und Organisationen? Wie kommuniziert ihr bei Euch konflikträchtige Themen? Wie kommt Ihr zu gemeinsamen Beschlüssen, Vereinbarungen und Entscheidungen, bei denen alle (!) Perspektiven gleichberechtigt und gleichwertig berücksichtigt und einbezogen werden? Wie macht Ihr das mit das „Augenhöhe“ in Eurem Unternehmen. Ich würde mich über eine rege Diskussion zu diesen Fragen sehr freuen…… 

 


Seit November 2013 schreibe ich (mehr oder meist weniger regelmäßig)  an meinem “Geschäftsführer-Tagebuch”. Warum ich das tue, könnt Ihr lesen, wenn Ihr H I E R klickt. Ich freue mich, wenn Ihr die Beiträge interessant findet und Ihr sie über Eure Kanäle (Facebook, Twitter und Co.) teilt und verbreitet!

 

9 Gedanken zu “Perspektive auf Augenhöhe

  1. Hey Thomas,

    Du fragst danach, wie alle Perspektiven gleichberechtigt einbezogen werden können. Das Wort „Gleichberechtigung“ hat mich zu der Frage geführt, wo der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit liegt. Ich finde, dass die schon so oft geteilte Grafik (vgl. bspw. hier: http://de.1jux.net/178757) die Frage sehr gut auf den Punkt bringt: Geht es um Gleichberechtigung oder um Gerechtigkeit?

    Wenn es um Gerechtigkeit geht, wird deutlich, dass jeder Mitarbeiter andere Voraussetzungen mitbringt und damit auch andere Bedürfnisse durch die Gegend trägt, die er (oder sie) gerne erfüllt sehen würde.

    Das bedeutet wiederum, dass die Gestalter der Organisation, sofern gewünscht, auf jeden dieser Mitarbeiter individuell eingehen müssen. Dadurch erhöht sich die Komplexität natürlich enorm.

    Und schon stellt sich die Frage, ob alle Mitarbeiter einzubeziehen sind, oder nur die (mir gefällt der Begriff oben) aktiven Mitmacher. Wichtig ist dabei, dass aktive Mitmacher auch Kritiker sein können, sofern die Kritik aktiv und damit mit Lösungsmöglichkeiten versehen ist.

    Aber: einfach ist das nicht (hat aber auch keiner gesagt 😉

    Gute Woche nach Berlin

    Hendrik

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    • Ahoi Hendrik,

      du bringst es auf den Punkt: Wir können (wahrscheinlich) gar nicht alle Mitarbeitenden mitnehmen und mit Transparenz „beglücken“…. das wäre bei über 200 Kolleginnen und Kollegen mittlerweile eine ziemlich komplexe Herausforderung….. Aber die „Mitmacher“ anders anzusprechen, als die eher passiven KolegInnen erscheint mir plausibel. Erinnert mich an einen Spruch aus unserer Jugendarbeit: „Nur wer macht, hat Macht.“

      Herzliche Grüße – Thomas

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  2. wollen tatsächlich alle Augenhöhe oder bewegen wir uns schon in einer Echokammer?

    Gelegentlich habe ich den Eindruck, das ein Teil der beschriebenen Frusterlebnisse durch Transparenz mitverursacht wird.

    Zwei Komponenten bringen eine unangenehme Dynamik in das Thema.

    1. Transparenz enttäuscht gelegentlich die Erwartungen. Statt der gewünschten „klaren Antwort“ oder einer Entscheidung, die den eigenen Interessen entspricht, sieht sich der Mitarbeiter mit einer Fülle an komplexen und komplizierten Zusammenhängen konfrontiert. Vordergründig einfache Entscheidungen führen bei näherer Betrachtung, gerade auch im Regelgestrüpp der Sozialwirtschaft, nur in vermeidbare Sackgassen.

    Damit will oder kann sich nicht jeder auseinandersetzen und empfindet die Transparenz als Zumutung.
    Dagegen werden dann simple Erklärungsmuster ohne Lösungsanspruch sehr attraktiv. Das Phänomen ist ja auch in der grossen Politik aktuell.

    2. Die Auseinandersetzung mit komplexen Problemen und die Suche nach passenden Lösungen ist der wesentliche Inhalt einiger Jobs und es gibt Mitarbeiter denen das auch noch Spass macht. Da eröffnet die Transparenz immer neue Perspektiven und Möglichkeiten. Auch die neuen Probleme nach der gefundenen Lösung sind mehr Aufgabe als Grund für Missmut.

    Aus der Perspektive der Transparenzgenervten werden da die fröhlichen Lösungstüftler gelegentlich zur personifizierten Zumutung.

    Auf Dauer hilft dagegen sicher Bildung.
    Aber für die persönliche Lebens- und Arbeitsqualität ist die Orientierung auf aktive Mitmacher wirksamer. Die Echokammer wird grösser 😎👍

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      • Transparenz erleichtert die frühzeitige Identifikation von Sackgassen. Die einfachen klaren Antworten auf komplexe Probleme sind gelegentlich sichere Abkürzungen in die nächste Sackgasse 😎

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  3. Na ja, mein „Unternehmen“ ist die evangelische Kirche – und Kirche ist noch mal ein spezialgelagerter Sonderfall habe ich mehr und mehr den Eindruck je länger ich da tätig bin….
    Augenhöhe bei einem Chor herzustellen ist extrem kompliziert, Chorleiter ist eher Löwenbändiger als verständiger Händchenhalter – sonst läuft die Sache aus dem Ruder. Da kann man dann nur offen vor den Chor treten und gewisse Dinge ansprechen und ausdiskutieren – sofern das geht. Hängt aber vom Chor ab.
    Was man machen kann ist natürlich zu versuchen auf die Probleme der Einzelnen einzugehen. Was aber dann dazu führt, dass du total zerrissen wirst. Beispielhaft mal gesprochen: Dem Sopran ist ein Einsingübung nie hoch genug, der Bass meckert, dass du ja nie was für ihn machst – für den Alt musst du immer bei jedem Stück eine Sonderrunde einlegen, sonst fühlt der sich noch übergangen. „Warum machen wir eigentlich diese blöden Einsingübungen?“ – „Ich liebe die Einsingübungen.“
    Ich vermute es gibt da wohl nur den Versuch eine gute Mittel-Linie zu finden. So offen wie möglich zu erklären, was man gerade macht – „ja, wir singen jetzt das Lied zum fünfzigsten Mal, aber es gibt Leute, die das nicht kennen“ – „der Tenor braucht halt nochmal eine Sonderrunde wegen der komplizierten Textgestaltung“ – „und überhaupt, könnten wir alle mal das S in die Pause gemeinsam absprechen, danke.“
    Offen zu sein für Änderungen, aber dann auch mal beharrlich sein wenn es um die Linie geht. Immer nett und freundlich. Aber bestimmt. Und auch mal zeigen, dass man durchaus weiß was man tut.
    Also jedenfalls sind das so Erfahrungen, die auch Kollegen von mir machen was Chöre anbelangt, aber das ist ja nun wie gesagt ein spezialgelagerter Sonderfall – die eigentlichen Probleme sitzen dann meistens entweder im Presbyterium oder bei den Pfarrern… Verwaltung. Vereine. Stufe der Inkompetenz und Beförderung. Aber das kann ich dann nicht ändern…

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