Das 6-P-Modell in der Sozialwirtschaft

Carsten Hokema ist schon seit vielen Jahren in unserem Unternehmen .garage berlin als Coach und Trainer tätig. Carsten hat mich letztens mit einem neuen Beratungs- und Coachingkonzept überrascht, das ich Euch gern vorstellen möchte. Deshalb habe ich Carsten zum neuen „6-P-Modell“ interviewt.

Mich interessiert Eure Einschätzung, ob und wie dieses Konzept auch im sozialwirtschaftlichen Zusammenhang eingesetzt bzw. genutzt werden kann. Über Eure Rückmeldungen und Kommentare zu dem Interview freue ich mich sehr.

TM: Carsten, bitte erzähle den Leserinnen und Lesern etwas über Dich und deinen beruflichen Background.

Carsten Hokema_sw

Carsten Hokema

CH: Ich stamme aus einer Kleinstadt in Niedersachsen und kam 1986 nach Berlin, um an der TU-Berlin Architektur zu studieren. Tatsächlich wurde ich dann 1995 Architekt und lehrte anschließend 5 Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet für Öffentliches Baurecht.  Parallel arbeitete ich als Berater für Kommunen und entwickelte Konzepte für den öffentlichen Raum und das Stadtmarketing. Schließlich widmete ich mich dem Bau von Wohnhäusern und dem Entwurf von Möbeln und Raumkonzepten.

Über eine gescheiterte Gründung im Handel mit Designobjekten im Jahr 2001 kam ich zum Entrepreneurship und arbeitete meine Fehler als Unternehmensgründer im Rahmen einer Dissertation sehr gründlich auf.

2004 gründete ich Innodate re.thinking Business, eine Werkstatt für Unternehmensentwicklung und begann meine ersten Beratungsprojekte als Unternehmensentwickler.

Mein erster Kunde, damals ein Kleinstbetrieb mit 3 Personen, entwickelte sich in den Folgejahren auch aufgrund von grundlegenden organisatorischen Veränderungen durch die Beratung zu einem global aktiven Unternehmen mit heute 20 Mitarbeitern.

Meine Tätigkeit als Architekt gab ich 2015 endgültig auf und widme mich seitdem einem neuen Gründungsprojekt namens Share Par. Hier entwickeln wir eine Software für die Organisation von Sharing-Gruppen.

2013 kam ich in die .garage Berlin als Vertretung für einen halben Tag und bin bis zum heutigen Tag dort in der Gründungsberatung als Berater und Coach tätig.

TM: Wie viele Gründungen hast du in der Zeit als Coach in der .garage begleitet? 

CH: Ich muss das überschlägig berechnen anhand der Coaching-Stunden, von denen ich etwa 2.500 in der Zeit absolviert habe. Ich würde sagen, dass es etwa zwischen 200 und 250 Gründer bzw. Gründungswillige waren, die ich betreut habe. Da ist einiges zusammengekommen in der Zeit.

TM: Du hast in der .garage ein Konzept entwickelt, das Du das „6-P-Modell“ nennst. Was hat es damit auf sich? 

CH: Da muss ich etwas weiter ausholen und in die Kernpunkte des Business Development, genauer gesagt, in die Entwicklung von Geschäftsmodellen einsteigen.

Ein Geschäftsmodell hat zum Kern immer einen Nutzen. Den so genannten Kundennutzen. Das klingt einfach und logisch, doch der hat es ziemlich in sich, weil es gar nicht so einfach ist, diesen Nutzen zweifelsfrei herauszufinden und in ein gutes Produkt zu übersetzen. Der bekannte Unternehmer und Multimilliardär Larry Ellison (Oracle) hat es ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Er sagte: „Translating an idea into a great produkt is unbelievably hard!“

Das erfahren fast alle Gründer, die zumeist aus der Perspektive ihres Produkts an das Geschäftsmodell herangehen.Doch ein Produkt ist nicht das Gleiche wie der Nutzen.

Es ist im besten Fall die materielle Erscheinungsform eines Nutzens, eine Übersetzung quasi. Doch es kommt noch schlimmer. Ein Nutzen ist schnell mal definiert, doch die Frage, ob es dazu überhaupt ein Problem gibt, muss erst noch geklärt werden.

Diese Facetten der Geschäftsmodellentwicklung sind in der Beratung und auch in der praktischen Übersetzung nicht ganz einfach zu entwickeln und darzustellen.

Doch jetzt kommt neuerdings das 6-P-Modell in Gestalt eines Würfels daher. Dieses Modell ist während verschiedener Coachingsitzungen mit Gründern in der garage entstanden.

Das P steht dabei für verschiedene Betrachtungsperspektiven einer Sache, die dadurch letztlich 6 verschiedene Gesichter enthält.

TM: Wofür stehen die „6-P“ konkret? Was hat es mit dem 6-P-Würfel auf sich? Was machst Du damit im Coaching?

CH: Der Würfel repräsentiert mit seinen 6 Seiten die 6 Perspektiven der Betrachtung eines Geschäftsmodells. Da ist zunächst einmal das Problem (P wie Problem), das gelöst werden soll.

6-P-Modell_Wuerfel

der 6-P-Würfel

Da ein Problem immer in einem bestimmten Kontext wahrgenommen wird bzw. kontext- oder situationsbezogen auftritt, nennen wir diese Kontext-Perspektive
P wie Perception (zu deutsch: Wahrnehmung).

Dann schaut man sich den Prozess (P wie Prozess) an, der zu dem Problem führt oder auch wahlweise den, der zur Lösung führt, je nachdem, welcher einem die wertvolleren Erkenntnisse liefert.

Jetzt ist es an der Zeit, einen Blick auf das konstante Grundbedürfnis zu werfen und sich zu fragen, welche Situation verhindert oder erzielt werden soll. Das nennen wir Prevention, also P wie Prävention.

Dann kommt das Produkt, das man als Unternehmen ja braucht, um dafür einen Preis festzulegen. Das Produkt ist für den Nutzen verantwortlich, den wir hier Proof (P wie Proof) nennen.

Nun haben wir alle P´s zusammen: Problem, Process, Perception, Prevention, Product und Proof.

Im Coaching hilft uns der Würfel jetzt dabei, etwas an sich Abstraktes besser zu versinnlichen, indem man ihn immer wieder dreht und dabei das Prinzip des Perspektivwechsels besser verstehen kann.

Schließlich bekommt der Gründer oder die Gründerin die Aufgabe mit auf den Weg, lebensechte Antworten auf die gestellten Fragen zu suchen und zu finden.

Diese umfassende Betrachtung stellt sicher, dass man nicht zu früh glaubt, auf dem sicheren Weg zu sein. Es geht also auch um eine Art Proof of Concept wie Prof. Günter Faltin es gerne mal ausdrückt.

Ein häufiger Fehler bei Gründern besteht darin, sich in das eigene Produkt zu verlieben oder zumindest einfach zu überzeugt davon zu sein. Das verhindert dann eine echte Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und Problemen der Kunden.

Ich hatte mal einen Gründer, den ich dazu aufforderte, echte Kunden zu befragen. Darauf sagte er nur: „Wozu? Ich bin doch von meinem Produkt überzeugt!“

Das ist nicht das richtige MindSet dazu und führt mit ziemlicher Sicherheit ins unternehmerische Verderben. Es gibt natürlich auch viele Zweifler, auf die das so nicht zutrifft, doch für beide Gruppen, die Zweifler und die Überzeugten kann der 6 P Würfel sehr hilfreich sein. Die Zweifler können ihre Zweifel dadurch beseitigen, dass sie ebenfalls Antworten finden müssen.

TM: Ist das 6-P-Modell auch für Organisationen aus dem sozialwirtschaftlichen Bereich interessant? 

CH: Ohne, dass ich mich jetzt speziell mit dieser Art von Organisationen auskenne, würde ich spontan sagen: Ja! – Meine Vermutung basiert auf der Annahme, dass auch Organisationen aus dem sozialwirtschaftlichen Bereich ganz klar definierte Aufgaben erfüllen (müssen) und somit einen Zweck haben, den man den Zwecken eines Unternehmens gleichsetzen kann.

Des Weiteren lassen sich sicher Probleme definieren, die gelöst werden sollen und Zielgruppen feststellen, die diese Probleme haben/besitzen. Damit wären dann die Voraussetzungen für ein Sozialunternehmen erfüllt, die es sinnvoll machen, den 6-P-Würfel anzuwenden.

Und, nachdem ich das jetzt so beschrieben habe, würde ich also sagen: Ein klares Ja. Der 6-P-Würfel (das 6-P-Modell) ist auch für Organisationen aus dem sozialwirtschaftlichen Bereich interessant! Er macht es möglich, immer wieder mal verschiedene Perspektiven einzunehmen. – Gerade fällt mir noch dazu ein: Man könnte ihn vielleicht sogar bei Bewerbungsgesprächen mit Anwärtern auf anspruchsvolle Stellen anwenden, um herauszufinden, wie schnell und leicht, sie sich in eine relevante Aufgabenstellung hineindenken können und ob ihnen klar ist, dass es (fast immer) darum geht, Probleme für Zielgruppen zu lösen.

TM: Das wäre sicher auch eine interessante Einsatzmöglichkeit. Noch eine Frage zum Abschluss: Wenn man mit Dir im Coaching arbeiten möchte, um das 6-P-Modell  „am eigenen Leib zu erfahren“,  wie kann man mit Dir in Kontakt treten, wo findet man Dich?

CH: Am besten ist es, mir eine E-Mail zu schreiben und dazu das Stichwort 6-P-Modell nennen. Das genügt schon. Die Mailadresse lautet: hokema@web.de  Physisch bin ich meisten in Steglitz im Coaching- und Beratungszentrum .garage Berlin anzutreffen.

TM: Vielen Dank für das Gespräch – und weiterhin viel Erfolg in Deiner Arbeit! 

CH: Ich danke dir für dein Interesse. Das freut mich sehr.

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