Unternehmer sein im Sozialen Bereich?

Businessman sitting with cloud technology above his head

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Ich lese (bzw. höre) gerade das Buch „Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer“ von Stefan Merath. Der Titel ist jetzt nicht so der ganz große Brüller – aber das Buch hat es in sich. Es regt mich aktuell heftig an, meine Rolle im Stadtteilzentrum Steglitz ( und in der .garage berlin gmbh) zu reflektieren und neu zu definieren.

Merath unterscheidet zwischen den Rollen Fachkraft, Manager und Unternehmer – jede Rolle hat ihre absolute Berechtigung und ist in jeder Entwicklungsphase des Unternehmens (oder einer Organisation) notwendig und wichtig. Aber: Wenn man langfristig erfolgreich arbeiten will, kann und darf man nicht alles gleichzeitig sein.

Die Fachkraft ist Experte für ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Aufgabe. Wir brauchen Experten für Buchhaltung, für die Betreuung von Kindern, für die Beratung von Menschen, für das Backen von Kuchen. Die persönliche Kompetenz, Qualifikation und Expertise ist gefragt und erfolgsentscheidend für die Qualität der Arbeit bzw. des Ergebnisses.

Der Manager muss in all diesen Dingen kein Experte sein (auch wenn es an der einen oder anderen Stelle sicher nicht schadet….). Der Manager koordiniert die Abläufe im Unternehmen, sorgt dafür, dass die Projekte in der gewünschten Form und Struktur zu den gewünschten Ergebnissen führen. Er arbeitet im Unternehmen, seine Rolle besteht insbesondere darin, die Arbeit der Fachkräfte „unter“ ihm zu begleiten, zu steuern, zu koordinieren.

Der Unternehmer arbeitet nicht im, sondern am Unternehmen. Er sorgt dafür, dass das Unternehmen nachhaltig richtig aufgestellt ist, er ist dafür verantwortlich heute die strategischen und unternehmerischen Entscheidungen zu treffen, damit das Unternehmen  auch in der Zukunft den bestmöglichen Nutzen für die Kunden liefert. Seine Aufgabe ist es quasi, alles dafür zu tun, seinem Nachfolger das bestmögliche Unternehmen zu übergeben.

Was bedeutet das für die Sozialbranche? Ist dieses Konzept auf unseren Bereich übertragbar?

Soziale Organisationen bzw. Unternehmen werden häufig von Fachkräften gegründet. Sozialarbeiter gründeten 1995 das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., viele Jugendhilfeträger, Beratungsstellen oder Sozialstationen sind so entstanden: Gründung einer Organisation (i.d.R. eines Vereins) um ein bestimmtes soziales Problem zu bearbeiten und zu lösen und sich auf diese Weise selbst einen Arbeitsplatz – als Fachkraft mit der entsprechenden Expertise für genau dieses Thema  – zu schaffen. Wenn es denn gut läuft, wächst der Verein, wird zu einem sozialem Unternehmen mit Mitarbeitern, Hierarchien, Dienstleistungsaufträgen und komplexen Kundenbeziehungen . Die Organisation muss gesteuert werden, Prozesse und Abläufe müssen definiert, gestaltet und kontrolliert werden. Betriebswirtschaftliche Aspekte spielen eine immer größere Rolle, denn es gilt, das Beste aus den vorhandenen (i.d.R. knappen) Ressourcen heraus zu holen. Es braucht Management. Oft übernehmen Fachkräfte dies als zusätzliche  Aufgabe, manchmal übernehmen sie die Rolle ganz. Sie entwickeln sich von der Fachkraft zum Manager.

Aber wer ist im Verein der Unternehmer?

Fachkräfte und Manager finde ich in fast jeder sozialen Organisation. Aber wer übernimmt dort die Rolle des Unternehmers? Wer arbeitet an der Organisation übernimmt Verantwortung dafür, dass das soziale Unternehmen heute, morgen und in 25 oder 50 Jahren noch funktioniert und leistungs- und lebensfähig ist?

Kann diese Rolle vom ehrenamtlichen Vorstand geleistet werden? Kann in Einzelfällen klappen – scheint mir aber eine wacklige Angelegenheit zu sein, denn der Vorstand ist auf Zeit gewählt und kann von einer Mitgliederversammlung jederzeit abberufen werden. Gut für die vereinsinterne Demokratie, schlecht für nachhaltige unternehmerische Entwicklung.

Kann diese Rolle von einem angestellten Geschäftsführer übernommen werden? Die Chancen scheinen für ihn auf jeden Fall höher zu sein, als die des Vorstandes. Ich kenne Geschäftsführer, die arbeiten und  leben wie Unternehmer (und das meine ich anerkennend und respektvoll) und ich kenne Geschäftsführer die arbeiten und leben wie Verwaltungs- oder Geschäftsstellenleiter (und auch das meine ich anerkennend und respektvoll). Für welchen Weg sich der Einzelne und die Organisation entscheidet, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, zu allererst aber von den Motiven, Zielen und persönlichen Eigenschaften der beteiligten handelnden Menschen. Kurz gesagt: Verfügt die Organisation über einen „Unternehmertypen“ an der Spitze? Hat die Organisation eine unternehmerische Sicht auf ihre eigene Entwicklung und fördert sie intern (und in ihrer Aussenkommunikation) eine unternehmerische Haltung?

Ich möchte gern Unternehmer sein. Ich möchte Verantwortung für die langfristige Entwicklung unseres Sozialunternehmens tragen. Ich möchte am Stadtteilzentrum Steglitz  arbeiten. Ich möchte, dass meine Nachfolger in 10, 15, 20 Jahren eine perfekte Organisation vorfinden, die es versteht Kundenbedürfnisse auf die bestmögliche Art und Weise zu erfüllen und allen „Nutzern“ und Beteiligten ein Höchstmaß an Nutzen bietet. Das geht nur, wenn ich alle Fachkraft- und Managementaufgaben konsequent abweise und auf andere übertrage (und dann aufpasse, dass sich sie nicht hintenrum zurück übertragen kriege 😉 ) Und das geht nur mit Mitarbeitern und Teams, die ebenfalls ein großes Interesse an der langfristigen, nachhaltigen Entwicklung des Unternehmens haben, die also nicht nur die Erfüllung und Befriedigung ihrer jeweiligen kurzfristigen Wünsche, Ziele und Ansprüche im Blick haben.

Eure Meinung?

Wie seht Ihr das? Braucht eine soziale Organisation einen Unternehmer an der Spitze? Braucht die Sozialbranche überhaupt so etwas wie „unternehmerische Haltung“? Findet Ihr die hier geschilderten Gedanken eher merkwürdig – oder  nachvollziehbar und plausibel?

Und: Wer ist Eurer Meinung nach am ehesten prädestiniert die Unternehmerrolle in der gemeinnützigen Einrichtung zu übernehmen?

Ich freu mich auf Eure Kommentare und Rückmeldungen!

 

P.S.: Ich war heute mal konsequent politisch unkorrekt und habe nix gegendert. Möge mir Gott verzeihen – ich hoffe, sie hat ein großes Herz und ist nachsichtig mit mir 😉

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