Gastbeitrag: „Menschen werden wegen unzureichender pflegerischer Versorgung wieder früher sterben.“

Pflegenotstand 2019

von Hanfried Wiegel-Herlan

Als ich 1983 meinen ersten Job im Bereich der ambulanten Pflege antrat, gab es das Wort vom Pflegenotstand schon: Er war aufgrund der absehbaren, demographischen Entwicklung prognostiziert worden für den Anfang des folgenden Jahrtausends. Die Prognosen haben sich bestätigt: Der Pflegenotstand ist da!

Worin zeigt sich der Pflegenotstand?

Von MitarbeiterInnen in Krankenhäusern höre ich Folgendes: Eine Kollegin kündigt, wechselt zu einer Leasing-Firma, von der sie deutlich besser bezahlt wird, und wird dann auf dieselbe Station ausgeliehen, auf der sie vorher gearbeitet hat – natürlich zu deutlich höheren Kosten für das Krankenhaus, aber immerhin ohne Qualitätsverlust: Sie kennt sich ja aus.

Der Normalfall beim Einsatz von Leasingkräften ist jedoch, dass diese überwiegend
– familienfreundlich – montags bis freitags im Frühdienst arbeiten, sich auf der Station nicht auskennen und die Aufgaben, die Hintergrund- oder Spezialwissen erfordern, dem Stammpersonal überlassen. Das geht – so höre ich – mit Qualitätseinbußen für die PatientInnen, Mehrbelastungen für das Stammpersonal und zusätzlichen Kosten für das Krankenhaus einher. – Manchmal gelingt es aber nicht, die unterbesetzten Schichten mit Leasingkräften aufzufüllen: Dann werden schon mal Betten gesperrt und auf diese Weise das Behandlungsangebot für die Versicherten reduziert.

In der stationären Pflege ist es – so höre ich – ähnlich. Von einer meiner MitarbeiterInnen, die hauptberuflich als Dozentin an einer Altenpflegefachschule unterrichtet, wurde mir kürzlich berichtet, sie habe eine Auszubildende beim Einsatz in ihrem Ausbildungsbetrieb begleitet. Diese habe dort zusammen mit einer Leasingkraft 34 Pflegebedürftige zu betreuen gehabt. Die Anleitung habe durch die Leasingkraft erfolgen sollen. Was meine Mitarbeiterin dort beobachtet hat, sei aus ihrer Sicht gefährliche Pflege und völlig unzureichende Anleitung der Auszubildenden. Auch in stationären Pflegeeinrichtungen werden Betten gesperrt und im Einzelfall sogar ganze Stationen geschlossen – wegen Personalmangels.

In der ambulanten Pflege geht’s uns besser: Wir finden zwar auch kein Personal mehr, haben inzwischen Wartelisten mit InteressentInnen für unsere Dienste, brauchen aber keine Werbung mehr zu machen, können Pflegeaufträge mit wenig kooperativen KundInnen bzw. Angehörigen kündigen und stattdessen einen von der Warteliste berücksichtigen. Und wenn gar nichts mehr hilft, schließen wir eben eine Tour: Vergleichsweise paradiesische Zustände! Aber wir müssen halt wöchentlich zwischen 5 – 10 Pflegeanfragen wegen Personalmangels ablehnen. Es soll Pflegedienste geben, die die Einsatzdauer verkürzen, um mehr Pflegaufträge annehmen zu können. In der Folge wurde das Wort „Minutenpflege“ geprägt. Pflegedienste, die ihre Arbeit verdichten, können ihre MitarbeiterInnen auch besser bezahlen. Kurz gesagt lauten die Alternativen: Gut pflegen und schlecht bezahlen, oder gut bezahlen, aber schlecht pflegen! Wer das nicht will, steigt aus (siehe unten).

Die gesetzlich verbriefte Wahlfreiheit für die Versicherten ist nicht mehr gegeben: Ein/e Pflegebedürftige/r kann froh sein, wenn sie/er einen Pflegedienst findet, der den Job übernimmt. Wer keinen Pflegedienst oder stationären Pflegeplatz findet, wendet sich – je nach Länge des Geduldsfadens – früher oder später an seine Kranken- bzw. Pflegekasse, die ja schließlich in der Leistungspflicht ist. Dann rufen mehr oder weniger verzweifelte MitarbeiterInnen von Krankenkassen an und fragen für Versicherte nach Aufnahmekapazitäten – mit ähnlichem Erfolg wie die Versicherten selbst.

Wachstumsraten verzeichnet lediglich der größte Pflegedienst unseres Landes: Die pflegenden Angehörigen. Das sind nach wie vor überwiegend Frauen, weil Pflege offenbar immer noch der von ihnen erwarteten Rolle entspricht, weil sie meist – wegen schlechterer Bezahlung – weniger zum Familieneinkommen beitragen oder einfach, weil sie länger leben. Nicht selten gehen sie bei der Pflege von Angehörigen weit über die eigene Leistungsgrenze hinaus, bezahlen oft genug mit ihrer Gesundheit und – mangels Beitragsjahren oder –höhe zur gesetzlichen SV – mit Altersarmut. Die wachsende Zahl von Pflegebedürftigen bei gleichzeitig wachsender Personalknappheit bei der professionellen Pflege wird diesen Pflegedienst weiter wachsen lassen – unter Inkaufnahme der Kollateralschäden.

Wie sind die Perspektiven?

Seit Jahrzehnten ist trotz gesicherter Prognose nichts geschehen, womit dem Pflegenotstand wirksambegegnet worden wäre. Wer – wie ich in der Funktion als Vorstandsmitglied eines Pflegeberufsverbandes – bisweilen das zweifelhafte Vergnügen hat, an Verhandlungen mit den Kranken- bzw. Pflegekassen oder aber Schiedsverfahren teilzunehmen, weiß, dass es auf Seiten der Kostenträger in ersten Linie um eines geht: Sparen. Und das, obwohl die Steuereinnahmen des Staates sprudeln und die Krankenkassen einen Beitragsüberschuss von 21 Mrd. Euro (= das 4-fache des gesetzlich geforderten Solls) angehäuft haben, für deren Einlagerung die Kassen lieber mehrere Millionen Euro jährlich an „Strafzinsen“ zahlen, als dieses Geld in die Leistungen für ihre Versicherten zu investieren. Da die Verbände der Pflegeeinrichtungen kein wirksames Mittel haben, Entgelte für Pflegeleistungen zu vereinbaren, die eine deutlich bessere Bezahlung der MitarbeiterInnen ermöglichen würden, und die schlechte Bezahlung ein wesentlicher Grund für die mangelnde Attraktivität des Pflegeberufs ist, dreht sich die Spirale des Personalmangels seit Jahren unaufhaltsam weiter nach unten.

Unser Bundesgesundheitsminister hat es bislang lediglich vermocht, 13.000 Stellen zu schaffen, die wegen mangelnder BewerberInnen kaum besetzt werden können. Die Eckpunkte zum Sofortprogramm Kranken- und Altenpflege der Bundesregierung vom 23.05.2018 enthalten keinen Plan für die ambulante Pflege, derjenigen Leistung, die bei beginnender Pflegebedürftigkeit als erste in Anspruch genommen wird und am ehesten in der Lage ist, pflegende Angehörige zu entlasten. Wir müssen feststellen, dass kein dezidierter, politischer Wille beobachtbar ist, die Behebung des Pflegenotstands wirksamvoranzutreiben.

Man muss kein Hellseher oder Schwarzmaler sein, um vorherzusagen, dass – wenn es so weitergeht – die Menschen eines Tages wegen unzureichender pflegerischer Versorgung wieder früher sterben werden. Ich finde, diesen Gedanken müssen wir mal zulassen!

Was können wir tun?

Die Rahmenbedingungen für die Pflege haben sich derart verschlechtert, dass renommierte Dienstleister (Diakonie und AWO in Niedersachsen) in Betracht ziehen, sich aus der ambulanten Pflege zurückzuziehen (siehe hierzu diesen L I N K ). Alternativ müssen wir nach Jahrzehnten von Wirkungslosigkeit und Desinteresse der Politik wahrscheinlich das System verlassen, um etwas zu erreichen: So wie es uns jene jungen Mitmenschen gerade vormachen, die in diesen Tagen zu Zehntausenden für den Klimaschutz auf die Straße gehen. Ein einziges Mädchen aus Schweden war in der Lage, diese Lawine loszutreten. Das könnten wir auch versuchen und organisieren. Wir werden sehen, ob wir ähnliche Resonanz finden. Wenn nicht, haben wir’s aber wenigstens versucht.

Wenn wir uns nicht weiter nur an der Verwaltung des Pflegenotstandes beteiligen wollen, halte ich diesen Versuch für unsere Pflicht.

 

Hanfried Wiegel-Herlan ist Dipl. Sozialarbeiter und Dipl. Soziologe, Geschäftsführer der Sozialstation Zehlendorf in Berlin und Mitglied im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Hauskrankenpflege e.V.. 

Er ist seit 36 Jahren im Bereich der Ambulanten Pflege tätig.

 

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