abholen, mitnehmen, transportieren….

5129625865_e40a2c919a_zIch kann es manchmal kaum noch hören, dieses sozialarbeiterische Mantra „wir müssen die Leute da abholen, wo sie stehen und sie mitnehmen“…… Gern noch ergänzt durch die Selbstbeauftragung „Wir müssen unsere Botschaften angemessen transportieren“….. So als wäre Sozialarbeit eine Transport- und Logistikaufgabe. Bei Twitter habe ich dazu passend mal gelesen: „Wer immer abgeholt wird, sieht irgendwann mal ziemlich mitgenommen aus.“ Da ist wohl was dran.

Gern unberücksichtigt bleibt die Frage: Wohin soll die Reise denn gehen, zu der wir die Menschen abholen und mitnehmen? Bestimmen sie das Reiseziel? Ist es unser Ziel? Ist die Route klar? Und wer legt fest, wo es lang geht und wie dieses Ziel erreicht wird? In der Sozialarbeit setzt sich als Standard durch, dass wir unsere sozialarbeiterischen  Angebote am Willen und an den Zielen der Betroffenen auszurichten haben. Nur ihr Wille, ihr individuelles Ziel ist für den Prozess relevant. Der Wille des Sozialarbeitenden spielt keine Rolle. Ausgehend vom Willen und den Zielen der „Klienten“ helfen wir die Ressourcen der Menschen zu erkennen, zu „heben“, sie nutzbar zu machen für ihren jeweiligen  Entwicklungsprozess. Unser Menschenbild dahinter ist klar: Jeder Mensch ist Expert*in seines Lebens und als solcher als einziger befugt und in der Lage zu bestimmen, wie dieses Leben gelebt werden soll. Selbstbestimmung und Selbstverantwortung sind zentrale Schlüsselbegriffe dieses Konzepts.

Was heisst das übertragen auf den Alltag in Unternehmen und Organisationen? Sehr oft erlebe ich, dass Kolleg*innen in unterschiedlichen Organisationen und Projekten davon sprechen, dass sie ihre Mitarbeiter*innen „abholen“, „mitnehmen“ müssen…. Dass es darum geht, die Ziele des Unternehmens zu „transportieren“ und gemeinsam diese Ziele zu erreichen. Ich habe im Laufe der Zeit Zweifel an diesem Konzept von „Führung“ bekommen. Es steht nicht im Einklang mit meinem Menschenbild. Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Expertentum für die eigenen Angelegenheiten machen nicht halt vor der Bürotür, dem Eingang zur Kita oder zum Jugendzentrum. Wir haben es auch in unseren Einrichtungen und Projekten mit Menschen zu tun, die ein angeborenes Recht darauf haben, das Beste aus ihrem Leben zu machen – und sie sind die einzigen, die bestimmen dürfen, was dieses „Beste“ für sie jeweils ist. Eine Kernaufgabe von Führung besteht demnach auch darin, den Raum zu öffnen, in dem sich Erfahrungen der Selbstverwirklichung der Mitarbeitenden mit den Werten, Prinzipien und Zielen der Organisation / des Projektes treffen und zu einer gemeinsamen Kraft verschmelzen können. Führung muss diesen Raum schaffen, absichern und verteidigen.

Im Alttag fällt uns das noch sehr schwer. Aus sehr unterschiedlichen Gründen: Zum einen haben wir – immer noch –  Führungskräfte (ich selbst bin da auch erst am Anfang meines Entwicklungsprozesses), die fest davon überzeugt sind, dass sie besser als die Mitarbeitenden (oder andere „Stakeholder“) wissen, was die richtigen Ziele für die  Organisation und die Wege dorthin sind. Eine fehlerhafte und vor allem risikobehaftete Grundannahme. Zum Anderen haben wir aber auch Mitarbeitende, denen in Schule, Ausbildung und Sozialisation in streng hierarchisch  geprägten Strukturen jedes Gefühl für Selbstverantwortung, Selbstbestimmung und Eigeninitiative abtrainiert wurde. Da gibt es einige, die tatsächlich so lange in der Warteschleife verharren, bis jemand kommt, um sie „mitzunehmen“. Und den (oder die) machen sie dann „verantwortlich“ für alles Gute und alles Schlechte, das ihnen widerfährt. Auf beiden Seiten gibt es Menschen, denen es in ihrer jeweiligen Rolle supergut geht und die daher wenig Interesse an Veränderung der Arbeitsweisen und der Organisation haben. Mittel- und langfristige Überlegungen zur Notwendigkeit der (Weiter-) Entwicklung des Unternehmens sind für diese Menschen nicht relevant. Und es stellt sich die Frage: Dürfen die so sein? Oder darf man Menschen zu ihrem Glück „zwingen“? Und kann man  Selbstverantwortung und Selbstorganisation anordnen? Und wenn ja …. wie passt das zu dem oben zitierten Menschenbild?

Wie gehen wir mit diesem Dilemma um? Wie müsste ein Übungsraum aussehen, der es ermöglicht (repressionsfrei) neue Verhaltensweisen, neue Regeln, neue Arbeitsweisen auszuprobieren und entsprechende Lernerfahrungen zu reflektieren? Und das alles im laufenden Betrieb – nicht in irgendeiner Laborumgebung, sondern ganz real im wirklichen Leben…..

Meine Frage an Euch: Wie löst Ihr in Euren Unternehmen diese Herausforderung?

schreib einen Kommentar.....

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.