„Wohlfahrt meets Social Entrepreneurship“ – es bewegt sich was……

Die beste Nachricht gleich am Anfang: Die Veranstaltung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes am 5.12. im Umspannwerk Berlin war mit geschätzt rund 100 Menschen bestens besucht. Das Thema der Auftaktveranstaltung des „Innovationsforums“ des Paritätischen scheint einen Nerv getroffen zu haben. Kein Wunder: Wir leben in unruhigen Zeiten und der Veränderungsdruck in allen Bereichen des gesellschaftlichen, persönlichen und eben auch des sozialen Lebens hat ein ungeheures, teils angsteinflößendes Ausmaß erreicht. Und die Geschwindigkeit und die Dynamik  des Wandels lösen bei vielen Menschen – auch in der Sozialwirtschaft – Verunsicherung, aber auch Neugier aus. Beste Voraussetzungen für eine Veranstaltung, bei der sich Vertreter*innen der klassischen Wohlfahrt mit Social Entrepreneurs (by the way: Wie gendert man „Entrepreneur“?) treffen um sich auszutauschen und zu eruieren, wo es Schnittmengen und Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede und Differenzen gibt.

Markus Sauerhammer (@teraspri), Vorsitzender des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND e.V.) betonte in seiner Keynote die Gemeinsamkeiten:

Es geht beiden Seiten um die Lösung sozialer und gesellschaftlicher Probleme. Social Entrepreneurs tun dies mit „unternehmerischen Mitteln“ (er blieb aber später auf meine Nachfrage hin die Antwort schuldig, was denn genau diese unternehmerischen Mittel seien, die klassische Wohlfahrtsorganisationen nicht nutzen. Ich werde ihn das noch mal auf Twitter fragen 😉 …. ) Ins gleiche Horn blies Dr. Gabriele Schlimper, Geschäftsführerin des DPW Berlin. Es gibt mehr verbindendes als trennendes – und beide Seiten können viel voneinander lernen. Und eine wichtige Erkenntnis: es braucht Räume, Projekte und Formate, die Gründungsberatung und Innovationlabs miteinander vereinen –  Orte, in denen sich beide Bereiche ganz praktisch begegnen können und Zusammenarbeit und gemeinsames Lernen geschehen kann….. (mein Hirn arbeitet schon mit Hochdruck an einer Idee hierzu…. ;-))

Wenn Ihr jetzt den Eindruck habt, dass das eine ganz gemütliche, schöne und harmonische Veranstaltung war, dann habt Ihr recht. Und damit kommen wir zur schlechten Nachricht des Tages: Es war eine gemütliche, schöne und harmonische Veranstaltung. Es war alles sehr glatt, blieb an der Oberfläche, man war „nett zueinander“.  In dem Thema steckt aber mehr drin… auch (aber beileibe nicht nur) Konfliktstoff. Zweieinhalb Stunden sind für ein solches Thema allerdings auch definitiv zu kurz und das Format (Keynotes und anschließende Podiumsdiskussion) lud nicht zum Austausch und zur Diskussion ein. Die Folgeveranstaltungen werden da sicher einen besseren Rahmen bieten.

Bei mir sind ein paar Fragen offen geblieben, die ich gern mit Euch und später in den nächsten Veranstaltungen des Paritätischen Innovationsforums diskutieren möchte:

  • Wie genau muss ein Setting aussehen, dass Social Entrepreneurs und „klassische Sozialarbeit“ zu gemeinsamer Arbeit, kooperativer Produkt- und Projektentwicklung und zum  Lernen voneinander ermutigt und sie darin unterstützt?
  • Warum finden wir so wenige Sozialarbeiter*innen unter den Social Entrepreneurs  und so wenige Unternehmer*innen in den Wohlfahrtsorganisationen?
  • Wo stösst Social Entrepreneurship an Grenzen? Wo bleibt die klassische Wohlfahrt gefordert, um soziale Grundversorgung zu gewährleisten?
  • Oder anders gefragt: Kann und will man aus Offener Kinder- und Jugendarbeit, Stadtteilarbeit, Sozialberatung, Sterbebegleitung uv.m. ein  (Soziales)  Geschäftsmodell machen, das auch ohne Subventionen / Zuwendungen auskommt?
  • Was passiert eigentlich, wenn ein Social Entrepreneur in Berlin einreitet und dem Senat (nur mal so als Beispiel)  anbietet die Hilfen zur Erziehung – analog dem auch bei der heutigen Veranstaltung viel zitierten „Buurtzorg-Modell“ – ganz neu zu denken und dem Land Berlin mit einem entsprechenden Geschäftsmodell  so 100  Millionen Euro pro Jahr zu ersparen?

Eure Meinung dazu interessiert mich sehr und ich freue mich über Eure Kommentare.

P.S: Viel substanzieller, als ich das jemals ausdrücken könnte, schreibt Hendrik Epe zu dem  Thema. Das solltet Ihr unbedingt auch lesen! ideequadrat.org/unternehmertum-und-fuehrung/

 

4 Gedanken zu “„Wohlfahrt meets Social Entrepreneurship“ – es bewegt sich was……

  1. Hej Thomas,

    wie schön. Vor allem denke ich an iwmm.audio/ulrich-schneider und iwmm.audio/send (Markus), welche ich kurz hintereinander treffen durfte.

    Danke für Deinen Bericht!

    Weil ich es gut finde, Menschen nicht-„männlichen Geschlechts“ nicht immer nur mitzumeinden/mitzudenken, sondern zu benennen greife ich kurz Deine Frage auf „by the way: Wie gendert man „Entrepreneur“?“ » Duden schlägt „En­t­re­pre­neu­rin, die“¹ vor, somit Entrepreneur*in.

    ¹https://www.duden.de/rechtschreibung/Entrepreneurin

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  2. Vielen Dank für den Beitrag, ich konnte leider nicht. Was mich immer erstaunt: Allseits werden Gemeinsamkeiten betont, gleichzeitig erfolgt aber auch wieder die rhetorische Lagerbildung: hüben der „Social Entrepreneur“, drüben „die Wohlfahrt“, ihm gegenübergestellt. Aber wo sind die Abgrenzungskriterien? Ich sehe ebenfalls keine spezifisch unternehmerischen Instrumente, die Entrepreneurs verwenden und die in „der Wohlfahrt“ nicht zum Einsatz kämen. Mir leuchtet auch nicht ein, weshalb – siehen den Beitrag von Hendrig Epe, der ausführlich drauf eingeht – bestehende Rechtsformen (wie etwa der Kollege Steuernagel häufig betont) „aufwändig und teuer“ seien, so dass man deshalb neuerdings „Verantwortungseigentum“ brauchen sollte. Dass es mit „Drive“ in gemeinnützigen Organisationen nicht klappe und „Verantwortungseigentum“ aus sich selbst „Drive“ schaffe, ist mir deshalb zuviel des Magischen Denkens. Das Abgrenzungskriterium zwischen „der Wohlfahrt“ und den „Entrepreneurs“ ist doch weder das Vorhandensein eines „heroischen Einzelunternehmers“, noch die Rechtsform, noch die Tätigkeit selbst oder der die Innovationsfähigkeit, sondern die Haltung zur Gemeinnützigkeit, die in der „Wohlfahrt“ conditio sine qua non, bei Entrepreneurs fakultativ ist. Viele Organisationen kann man doch gar nicht so eindeutig zuordnen, wie das solche Etikette suggerieren: panta rhei.
    Gerade vor dem Hintergrund: Warum gelten Entrepreneurs immer noch per se als „innovativ“, andere nicht, und warum werden solche Bilder auch in „der Wohlfahrt“ immer noch kultiviert? Woher kommt der scheinbar tief sitzende Minderwertigkeitskomplex in „der Wohlfahrt“, wegen dem man sich so gerne unter das begrifliche Dache der „Sozialwirtschaft“ flüchtet, obwohl man damit das eigene Profil eher vernebelt als klärt. Und warum soll auf einmal Verantwortungseigentum mehr „Drive“ ermöglichen, obwohl dort die Rendite aus dem „Drive“ direkt ausgeschüttet oder durch überhöhte Gehälter dem Unternehmensziel entzogen werden kann, während Überschüsse im gemeinnützigen Bereich entsprechend der Satzungsziele reinvestiert werden müssen und die Gehälter auch begrenzt sind? Andersherum wird eher ein Schuh draus.

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    • Danke für diesen Kommentar! Ich neige dazu, Ihnen / Dir zuzustimmen, was die Frage unseres professionellen Selbstbewusstseins angeht. Ich denke, wir brauchen uns vor Social Entrepreneurs wahrhaft nicht verstecken! Und: Mehr Unternehmer*innen- und Innovationsgeist könnte unseren Organisationen und Einrichtungen nur gut tun…. Wir arbeiten dran 😉

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