Ambulante Pflege in Corona-Zeiten: „Mundschutz wird selbst genäht!“

Gastbeitrag von Hanfried Wiegel-Herlan, Sozialstation Zehlendorf (Berlin)

Ambulante Pflegedienste gehören zu denen, die in diesen pandemischen Zeiten immer noch arbeiten, während viele andere auf anderthalb Meter Abstand gehen müssen und deshalb ihren Job nicht mehr machen können. Unsere Mitarbeiter*innen gehen zu den Angehörigen einer Hochrisikogruppe, den Alten und Multimorbiden. Die Arbeit erfolgt zu großen Teilen mit Ganzkörperkontakt, z.B. beim Transfer eines Pflegebedürftigen vom Krankenbett in den Rollstuhl: Es gibt kaum eine Tätigkeit, bei der unsere Leute die notwendige Distanz einhalten können; d.h., sie arbeiten permanent  in der Gefahrenzone. Aber was wäre die Alternative? Kein Insulin spritzen, keine Wunden versorgen, kein Inkontinenzmaterial wechseln, keine Mahlzeiten zubereiten und anreichen? Dann wären unsere Patient*innen durch unsere Pflegekräfte zwar keiner Ansteckungsgefahr mehr ausgesetzt und würden mit geringerer Wahrscheinlichkeit infiziert werden und an Corona sterben, statt dessen aber an entgleistem Diabetes, Blutvergiftung, anderen Infektionen oder würden verdursten: Keine Alternative! Unsere Leute müssen also raus und riskieren, dass sie angesteckt werden oder andere anstecken.

Für mich als Arbeitgeber fühlt sich das nicht gut an: Ich bin verpflichtet, durch alle denkbaren Maßnahmen das Risiko, dass meine Mitarbeiter*innen bei und durch die Arbeit zu Schaden kommen, auf das unvermeidbare Minimum zu senken. Auch die Pflegedienstleitung (PDL) ist in der Pflicht: In §71 SGB XI ist ihr ausdrücklich Verantwortung zugeschrieben, für die/den leitende/n Funktionsträger*in einer Organisation ein Unikat in der Deutschen Gesetzeslandschaft. Wir als Leitung haben deshalb einen Pandemieplan geschrieben, in dem alle organisatorischen und sicherheitsrelevanten Maßnahmen beschrieben sind, die wir zur Vermeidung bzw. Reduzierung des Ansteckungsrisikos ergriffen haben; die Regelungen widersprechen z.T. diametral unserem Berufsethos und unseren sonstigen Verfahrensweisen, die ja gerade auf kollegialen Austausch und soziale Annäherung an unsere Klientel („Bezugspflege“) ausgerichtet sind. Zur Reduzierung persönlicher Begegnungen unter den Kolleg*innen haben wir zunächst alle betriebsinternen Gruppenversammlungen (Dienst- und Teambesprechungen, Fortbildungen) abgesagt. Die Notwendigkeit, das Büro überhaupt aufzusuchen, musste für die Kolleg*innen minimiert werden: Pflegeübergaben finden nicht mehr im persönlichen Gespräch sondern nur noch telefonisch oder schriftlich statt. Dienst-PKW werden von den Kolleg*innen nach ihrer Tour mit nach Hause genommen (, was ansonsten grundsätzlich verboten ist!), um ihnen Wege ins Büro zu ersparen. Und der kollegiale Plausch im Büro – eigentlich unerlässlich für die Psychohygiene – entfällt seit Wochen: Der Kaffeeverbrauch ist auf nahezu Null gesunken. – Um unsere beiden PDLs haben wir zwei Büroteams gebildet, die alternierend (Mo, Mi, Fr bzw. Di, Do, Sa) arbeiten und sich auf diese Weise nicht mehr begegnen – und anstecken können. Der Geschäftsführer arbeitet im home office und wird bei gegebenem Anlass mit eingegangener Briefpost beliefert.

Mundschutze aus Baumwollstoff wird selbst genäht

Weitere Maßnahmen betreffen die Hygiene: Im Büro werden einmal täglich alle Türklinken, Telefone, Lichtschalter und sonstige Bedienelemente flächendesinfiziert. – Die mobilen Kolleg*innen erhalten Seifenspender, Mundschutze, Kittel; der Einsatz von Händedesinfektionsmittel musste – wegen der Wiederbeschaffungsprobleme – stärker reglementiert werden, um den Verbrauch auf das wirklich notwendige Maß zu begrenzen. Da aber auch Mundschutz kaum noch zu bekommen ist, haben inzwischen zwei Leute aus dem Umfeld einer Kollegin damit begonnen, Mundschutze aus Baumwollstoff zu nähen. Die haben den Vorteil, dass sie ausgekocht und wiederverwendet werden können. – Das Problembewusstsein der Kolleg*innen ist inzwischen so weit entwickelt, dass die Kontakt- und Hygieneregeln tatsächlich strikt eingehalten werden.

Ein Pflegedienst ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen und durchaus durch Umsatzeinbußen infolge der Corona-Pandemie belastet: So sagen einzelne Kund*innen aus Furcht vor Ansteckung Einsätze ab, Angehörige übernehmen dann die notwendige Pflege. Und gerade sind Pflegebedürftige, die Pflegegeld beziehen, von der Verpflichtung entlastet worden, zwei- bzw. viermal jährlich Beratungsbesuche gemäß §37.3 SGB XI abzurufen. Bei ungefähr 1.000 solcher Beratungen pro Jahr reißt das ein ordentliches Loch in die Kasse. Die Kolleg*innen, die solche Besuche meist zwischen 13 und 16 Uhr machen, sind nicht mehr ausgelastet.

Der Pflegenotstand betrifft die ambulante Pflege in besonderem Maße

Ambulante Pflege erfolgt in diesen Zeiten also unter erschwerten Bedingungen, und da tut es gut, wenn unsere Leute bisweilen von Berliner Balkonen herunter beklatscht werden. Aber ambulante Pflege findet – das kann ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen – auch ohne Corona-Krise unter erschwerten Bedingungen statt: Der Pflegenotstand betrifft die ambulante Pflege in besonderem Maße. Nur ein Beispiel: Der Gehaltsunterschied zwischen Krankenhaus und ambulanter Pflege – so hat der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Herr Westerfellhaus, u.a. ermittelt  – beträgt bis zu € 900 monatlich. Kann es da verwundern, dass Pflege(fach)kräfte in der ambulanten Pflege knapp werden?

In der Corona-Krise offenbaren sich aber auch die Wesenszüge unserer Gesellschaft und unseres politischen Systems: Gerade hat die Bundesregierung einen Nachtragshaushalt im Umfang von 156 Milliarden Euro beschlossen – ein erstaunliches Volumen und mit erstaunlicher Geschwindigkeit. An Vergleichbares kann ich mich nur erinnern, als es vor ein paar Jahren um die Rettung von Banken ging. Wir sehen: Wenn ein gravierendes Problem plötzlich auftritt, wird schnell reagiert; wenn es sich schleichend verschärft wie Pflegenotstand oder Klimawandel, passiert lange nichts und irgendwann vielleicht etwas. Kaum vorstellbar, dass die Bundesregierung zur Behebung des Pflegenotstandes einen Nachtragshaushalt beschließt! – Woran liegt das?

„Fridays for Nursing“ ?

Im Morning Briefing des HANDESLBLATTS las ich vor einigen Tagen Folgendes: „Ein paar Zehntausend Tote sind nicht so schlimm wie der drohende weltweite Einbruch der Konjunktur.“ So argumentiert der Mediziner und Finanzspezialist Alexander Dibelius im Handelsblatt-Interview auch nicht. Er sagt nur: „Lasst uns die Gefährdeten schützen, aber ich infiziere mich halt, denn besser eine Grippe als eine kaputte Wirtschaft.“ Und er fragt, ob es richtig sei, dass 10 Prozent der Bevölkerung geschont, 90 Prozent aber – mitsamt der Ökonomie – extrem behindert werden. Man könnte genauso gut fragen, ob Utilitarismus jetzt Humanismus ablöst.“ – Solche Überlegungen deuten darauf hin, dass die Anzahl der Opfer einer Maßnahme bzw. deren Unterlassung und: Wer davon betroffen ist! – die Entscheidung darüber beeinflusst, ob die Maßnahme ergriffen wird oder nicht. Vor Corona sind wir alle gleich; selbst die Kanzlerin musste in häusliche Quarantäne. Das erklärt die Entschlossenheit und Effektivität von Politik beim Corona-Krisenmanagement. Als es um die Frage ging, ob die Höchstgeschwindigkeit auf Deutschen Autobahnen auf 130km/h gesenkt werden sollte, um die Anzahl von Verkehrstoten und die CO2-Emissionen zu senken, wurde offenbar die Verminderung der Verkehrstotenzahl ins Verhältnis gesetzt zu den Auswirkungen auf die Verkaufszahlen von Autos, die 200km/h und mehr fahren und von Leuten gekauft werden, die es sich leisten können – mit dem bekannten Ergebnis. – Der Pflegenotstand betrifft Alte und Kranke sowie deren Angehörige, die weder eine Lobby haben noch „Fridays for Nursing“ organisieren werden. Deshalb ergibt sich für die Politik keine Notwendigkeit zu wirkungsvollem Handeln. – Ich bin sehr gespannt, wie und wo die Pflege(fach)kräfte aufgetrieben werden, die für die Versorgung der zu erwartenden Corona-Patient*innen in den tausend neuen Behandlungsbetten erforderlich sind, welche gegenwärtig in den Messehallen entstehen. Vielleicht sind’s die Prüfer*innen des MDK, die für die Pflege dieser Patient*innen freigestellt werden sollen?

Hanfried Wiegel-Herlan ist Geschäftsführer der Sozialstation Zehlendorf und Mitglied des Vorstands des Stadtteilzentrum Steglitz e.V..

Kontakt: Sozialstation Zehlendorf, Mühlenstr. 8, 14167 Berlin, T. 030 84 59 27 37 / Mail: hwh@sozialstation-zehlendorf.de

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