zur Diskussion: Corona vs. Selbstverantwortung – Wieviel staatliche Reglementierung brauchen wir?

Hanfried Wiegel-Herlan

Mein Freund und Kollege im Vorstand des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. Hanfried Wiegel-Herlan schätzt offene und klare Worte und nimmt nur ungern ein Blatt vor den Mund. Als Geschäftsführer eines ambulanten Pflegedienstes im Berliner Südwesten ist der studierte Sozialarbeiter und Soziologe mit allen bekannten und weniger bekannten Problemen des Pflegesektors vertraut. In zwei Stellen hat er hierzu schon Gastbeiträge auf diesem Blog veröffentlicht. Heute fragt er in einem Beitrag provokativ: „Warum sollten wir den Menschen nicht die Freiheit zurückgeben, selbst zu entscheiden, welchen Risiken sie sich in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie aussetzen?“   Und er bitte ausdrücklich um ein saftiges „Contra“. 

 

„Wie soll das alles weitergehen?“ fragen wir uns alle mehrmals täglich. Je länger wir die verordneten und gegenwärtig noch weitgehend akzeptierten Einschränkungen unserer Freiheiten hinnehmen, umso mehr werden die Kollateralschäden sichtbar: Mehr Menschen erkranken an Depression, die Suizidraten – so ist zu befürchten – werden steigen; Frauen müssen vor ihren Männern, die mit ihrer plötzlichen Arbeitslosigkeit nicht klarkommen, in Sicherheit gebracht werden (Warum gibt es genug Beatmungsgeräte, aber nicht genügend Refugien für malträtierte Frauen?); Kinder werden durch häusliche Gewalt für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Die Liste ließe sich mühelos verlängern. Diese – nunmehr sichtbaren – Phänomene führen unweigerlich zu der Frage, ob das, was wir durch die Einschränkungen gewinnen, in einem angemessenen Verhältnis steht zu dem, was wir verlieren. Um es noch pointierter zu formulieren: Ist die Rettung des Lebens von ein paar Tausend Menschen die Schädigung der Lebensperspektiven oder gar des Lebens von ein paar Tausend anderer wert? Wie gewichten wir Gewinne und Verluste vor dem Hintergrund der Werte, die uns wichtig sind? Und welche Werte wiegen für uns schwerer als andere?

An den Flüchtlingen, die sich in ein Schlauchboot setzen, um ihre Heimat mit dem Ziel Europa zu verlassen, können wir seit einiger Zeit sehen, dass es Umstände von Leben gibt, die so miserabel sind, dass Menschen für die Chance zur Erlangung einer Alternative ihr Leben aufs Spiel setzen. Und es gibt andere, die in ihr kriegsgebeuteltes Heimatland zurückkehren, weil sie sich in Europa nicht so behandeln lassen wollen, wie es derzeit z.T. geschieht. Freiheit hat schon immer Opfer gefordert. Ich fürchte, auch wir werden eines Tages den Preis unserer Freiheit wieder mal kalkulieren müssen. Aber immerhin haben wir darin eine gewisse Übung: Es ist uns alljährlich ein paar Menschenleben wert, auf der Autobahn mit 200 Sachen unterwegs sein zu dürfen.

Warum sollten wir den Menschen nicht die Freiheit zurückgeben, selbst zu entscheiden, welchen Risiken sie sich in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie aussetzen? Niemand ist daran gehindert, sich weiter so vorsichtig zu verhalten wie jetzt und auf diese Weise sein Erkrankungsrisiko zu senken, bis es irgendwann den Impfstoff gibt. Und was mich selbst schützt, schützt auch die anderen. – Ja, ich kann auch Pech haben und dem Falschen begegnen, der mich im Supermarkt infiziert, weil meine Atemschutzmaske eben doch nicht dicht genug war. Aber Vergleichbares kann mir auch „Unter den Linden“ passieren, wenn ich dort zum falschen Zeitpunkt unterwegs bin und jemand mit seinem Auto auf den Bürgersteig rast, weil er gerade einen Herzinfarkt erlitten hat. Stellt sich zumindest noch die Frage der Quantität und der Wahrscheinlichkeit. Letztlich muss ich klären, welches Risiko oder welche Einschränkung ich bezüglich der Gestaltung bzw. der Dauer meines Lebens einzugehen ich bereit bin. Und diese Entscheidung muss mir in unserem Land niemand abnehmen.“

Hanfried Wiegel-Herlan ist Geschäftsführer der Sozialstation Zehlendorf und Mitglied des Vorstands des Stadtteilzentrum Steglitz e.V..

Kontakt: Sozialstation Zehlendorf, Mühlenstr. 8, 14167 Berlin, T. 030 84 59 27 37 / Mail: hwh@sozialstation-zehlendorf.de

8 Gedanken zu “zur Diskussion: Corona vs. Selbstverantwortung – Wieviel staatliche Reglementierung brauchen wir?

  1. Lieber Herr Rosenkranz,
    da haben Sie mich aber gründlich missverstanden:
    ad 1: Mit dem Hinweis auf die klimaschädliche Wirkung von Konsum (nicht von Produktion!) wollte ich auf die Ambivalenz von Konsum hinweisen. Dass der nicht nur zum Überleben beiträgt, sondern auch durch seine Exzesse unser Überleben gefährdet, wird oft nicht gesehen. (Regenwald abholzen, Ölpest, Überfischung der Meere, Artensterben, Grundwasserverseuchung, …)
    ad 2: Die Hygiene- und Schutzmaßnahmen in einem Pflegedienst müssen zwangsläufig über das hinausgehen, was der Allgemeinheit verordnet wurde, weil wir den unmittelbaren Körperkontakt mit unserer Klientel nicht vermeiden können. „Verordnen“ muss ich als Arbeitgeber auch deshalb, weil ich ggf. nachweisen muss, alles Erdenkliche zur Sicherung meiner MitarbeiterInnen während ihrer Arbeit getan zu haben. Und als Arbeitgeber bin ich tatsächlich berechtigt, meinen MitarbeiterInnen vorzuschreiben, was sie während der bezahlten Arbeitszeit tun und wie. Dieses Recht ist auch eine Pflicht. – Mit den Leuten mit tiefer gelegtem IQ meinte ich nicht meine MitarbeiterInnen, sondern die, die im Supermarkt immer noch ohne Mundschutz rumlaufen und die Abstandsregeln nicht einhalten. Meine MitarbeiterInnen hingegen scheinen – im Gegenteil – ziemlich schlau zu sein: Jedenfalls ist noch keine/r an Corona erkrankt; kaum je war der Krankenstand so niedrig wie gegenwärtig.
    Ich hoffe, ich konnte das Missverständnis aufklären.
    Mit freundlichem Gruß – H. Wiegel-Herlan

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  2. Hallo Hanfried (unter Sozialarbeitern kann man sich einfach mal duzen, oder?)
    Ich finde es völlig okay, wenn Du ein Mehr an Selbstverantwortung forderst. Ich sehe aber auch die Notwendigkeit von Reglementierung. Dem einen Menschen scheint es ganz selbstverständlich, Abstand zu halten, der andere feiert feucht – fröhliche Grillparties, bei denen man davon ausgehen kann, dass der Virus schneller verteilt wird. Letzteres ist hoffentlich eine Ausnahme.

    Im beruflichen Alltag erlebe ich auch immer wieder, das Menschen nach Führung rufen oder lieber selbstverantwortlich tätig sind. Und die Ausgestaltung der ein oder anderen Seite sieht individuell sehr verschieden aus. Dazu kommen Gefühle von Sorge, Angst, Mut bishin zu Übermut oder Wut. Manchmal scheint es mir, als würde jeder die Seiten Verantwortung und Freiheit für sich ausbalancieren. Aber es geht ja um ein WIR. In der Gesellschaft, der Familie und bei Freunden, in Organisationen und Teams. Ich habe das Gefühl dass dieses Thema im Moment über allem liegt. Wie sichern wir das Wir-Gefühl oder wie schaffen wir es immer wieder neu? Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Ich überlege schon länger an einer Antwort.

    Schöne Grüße
    Christian Zepke

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    • Hey, Christian,
      wir können alle in vielen Zusammenhängen selbst entscheiden, welchen Risiken wir uns aussetzen. Ich erlebe z.B. aktuell immer wieder, dass Leute jemandem, der sich unbefangen nähert, entgegenrufen: „Bleiben Sie stehen!“ und ihm den Handteller zeigen. = Risikosenkung. Es erschließt sich mir nicht, weshalb Gartenlokale geschlossen bleiben müssen. Der Wirt könnte jeden zweiten Tisch abräumen oder sperren, die Bedienung Mundschutz tragen. Wieviel Abstand die Gäste zueinander halten, kann ihnen überlassen bleiben: Ist ihre Verantwortung. Und wer zur Toilette muss, muss Mundschutz anlegen. – Den Mundschutz übrigens würde ich im öffentlichen Raum generell vorschreiben – wegen der Leute ohne Wir-Gefühl.
      Ja, den individuell sehr unterschiedlichen Bedarf an Außensteuerung kenne ich auch. Auch die emotionalen Reaktionen auf die gegenwärtigen Umstände variieren sehr. Trotzdem zeigte sich in der hohen Akzeptanz für die verordneten Einschränkungen – wie ich finde – ein erstaunlich hohes Maß an Wir-Gefühl. Das allerdings bröckelt nun, weil die Auswirkungen auf verscheidene gesellschaftliche Gruppen eben sehr unterschiedlich sind: SchülerInnen, Kita-Kinder, Eltern, ArbeitnehmerInnen, „Risikogruppen“, … Die einen werden eher belastet, die anderen profitieren von den Einschränkungen. Ich fürchte, es wird uns nicht gelingen, über all diese Unterschiede hinweg ein Wir-Gefühl zu schaffen.
      Umso wichtiger erscheint mir, transparent zu machen, welche Kollateralschäden die Einschränkungen mit sich bringen, und daran mangelt es erheblich. Viel schlechter als die Anzahl von Infizierten, Verstorbenen und Genesenen ist ja messbar, welche Schäden z.B. in Familien durch die Dreifachbelastung Homeoffice, Haushalt, Kindererziehung entstehen. Ich pointiere es mal: Kindern, die bekanntermaßen grundsätzlich keine „Risikogruppe“ sind und ihr ganzes Leben noch vor sich haben, werden Entwicklungshemmungen, möglicherweise Schäden zugemutet zugunsten der Verlängerung des Lebens von multimorbiden Hochaltrigen um vielleicht nur drei Tage, Wochen, Monate? Das könnte so sein, wir werden es nicht herausfinden. Aber dürfen wir deshalb dieser ekligen Güterabwägung ausweichen?
      Die Exekutive hat diese Güterabwägung, wie sich an deren Gestaltung ablesen lässt, offenkundig vorgenommen; diesmal anders als vor zwei Jahren, als die Influenza in Deutschlad ~25.000 dahingerafft hat, eine Zahl, von der wir infolge Corona noch weit entfernt sind. Mich würde interessieren, aufgrund welcher Werteverschiebung diesmal so anders agiert wird. Aber auch darüber redet niemand.
      Ich danke Dir für Deine anregenden Überlegungen.
      Bleib tapfer und sei herzlich gegrüßt von Hanfried

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  3. Aber wie entscheiden Kinder im Kindergarten? Wie entscheiden sich die Eltern derer die ein Kind haben was zur Risikogruppe gehōrt. Und wie entscheiden sich Lehrer die sich dann nicht mehr schützen kônnen, Erzieherinnen? Es geht eben nicht nur um eigene Entscheidung. Und die Politik macht einen guten Job. Damit will ich die Risiken nicht kleinreden die sind da.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, bezüglich der Kinder hast Du recht: Denen kann man die Entscheidung nicht überlassen. Und wann man Schulen und Kitas wieder öffnene sollte, wage ich nicht zu beurteilen. Aber Eltern, die ein vorerkranktes Kind haben und vor der Entscheidung stehen: Schule/Kita oder nicht? werden für ihr Kind die richtige Entscheidung treffen; da mache ich mir keine Sorgen. – Gruß von Hanfreid Wiegel-Herlan

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  4. Lieber Hanfried Wiegel-Herlan,

    grundsätzlich zumindest was die Freiheit und Eigenverantwortlichkeit angeht okay – allerdings sollte die persönliche Freiheit dort enden, wo sie anderen schadet rsp. schaden kann. Da niemand wissen kann, ob er/sie nicht schon infiziert ist und die Krankheit weiterverbreitet, ist das mit der Freiheit schon mal so nen Ding…

    Zum zweiten möchte ich es nicht erleben, dass auf Grund einer hohen Zahl von erkrankten Menschen unsere Infrastruktur komplett zusammen bricht! Aktuell reden alle insb. die Politiker nur vom Gesundheitssystem – doch haben wir ja noch ein paar mehr lebenswichtige Infrastrukturbereiche: So eine Woche ohne Elektrizität und Wasserversorgung, weil die dort angestellten Menschen alle krank sind und es wird niemand mehr von Corona reden!!

    Nicht falsch verstehen: Auch ich bin für die persönliche Freiheit und Eigenverantwortung – sehr sogar! – aber bitte doch immer in den Leitplanken, die andere nicht gefährden.

    Beste Grüße
    Dirk

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    • Ad 1: Wir schaden anderen schon allein dadurch, dass wir konsumieren, weil jegliche Produktion mit CO2-Ausstoß einhergeht und dies die Eiskappenabschmelzen lässt, …. Wir nehmen bei nahezu jeglichem Tun in Kauf, dass andere dadurch beeinträchtigt oder gar geschädigt werden. Aber irgendwo ziehen wir die Grenze, z.B.: Kneipen bleiben geschlossen, weil dort das Virus besonders gut verbreitet werden würde. Warum aber hat noch niemand das Rauchen verboten, obwohl jedes Jahr ~ 120.000 Leute an den Folgen sterben?
      Ad 2: Ja, ein Kollaps überlebensrelevanter Funktionien muss unbedingt vermieden werden. Das betrifft z.B. auch meinen ambulanten Pflegedienst. Wir haben deshalb für uns Regeln und Verfahren geschaffen, die weit über das hinausgehen, was von der Politik verordnet wurde, um den Totalszusammenbruch zu vermeiden: Scheint zu funktionieren. Ich hab zwar keine Ahnung von Strom und Wasser, gehe aber davon aus, dass dort soetwas auch möglich wäre.
      Ich finde, die Bemühungen unseres Staates, Leute mit tiefer gelegten IQ und Ignoranten zulasten der Vernünftigen vor sich selbst zu schützen, gehen inzwischen zu weit.
      Herzliche Grüße von Hanfried Wiegel-Herlan

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      • Lieber Herr Wiegel-Herlan,

        Ihre Antwort bietet wahrlich spannende Einblicke, alleine schon die verallgemeinerte Verteufelung von Produktion. Ohne dass Menschen irgend etwas produzierten, stürbe die Menschheit recht bald aus. Rauchen ist zwar noch nicht verboten analog dem Spaziergang aktuell, macht aber immer weniger Spaß insbesondere der Regelmäßigkeit der Verteuerung durch Steuererhöhung gedankt.

        Dies aber nur am Rande! Wirklich irritiert hat mich Ihr Ad2: In Ihrem Unternehmen setzen Sie die Daumenschrauben weit härter „die weit über das hinausgehen, was von der Politik verordnet wurde,“ an als die von Ihnen im Allgemeinen beklagten Verordnungen derzeit! Gleichzeitig richten sich Ihren Worte zu Folge die Verordnungen des Staates insbesondere an „Leute mit tiefer gelegten IQ und Ignoranten“ Jetzt frage ich mich doch tatsächlich, welches Bild Sie von Ihren Mitarbeitern haben resp. in welche Schublade diese von Ihnen eingeordnet werden. Weil bei den Vernünftigen sicher nicht, da es dann ja keine gesonderten „Regeln und Verfahren“ bräuchte…

        In diesem Sinne, herzliche Grüße
        Dirk

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