zur Diskussion: „Wegen dem blöden Virus“ …von Kindern, Autohäusern und Solidarität

Kristoffer Baumann

Kristoffer Baumann arbeitet beim Stadtteilzentrum Steglitz e.V. – und das schon seit etlichen Wochen von zuhause aus. Denn die Kita seines Kindes hat geschlossen. Kristoffer jammert nicht. Er arbeitet im HomeOffice und versucht alle Rollen unter einen Hut zu bekommen. Was ihm aber zunehmend Sorge macht, sind die Auswirkungen von Kitaschliessungen und Kontaktverboten für sein Kind – und für alle Kinder in dem Alter. Und er fordert, dass Kinderrechte genauso in strategische Überlegungen zur Bewältigung der Krise einbezogen werden müssen wie die Interessen der Wirtschaft.

 

Gastbeitrag

„Wegen dem blöden Virus“
…von Kindern, Autohäusern und Solidarität

Ich find‘s schon ein wenig seltsam, dass zuerst die Orte gerade wiedereröffnet werden, an denen sich die „Risikogruppen“ – ja klar, mit Abstand – begegnen werden. Was ist mit den Kindern, die ebenfalls solidarisch durch ungefragt verordnete Entbehrung jeglicher sozialer Kontakte (Mamas, Papas und Geschwister ausgeschlossen) in erheblichem Maß zum #CurveFlattening beitragen haben? Über sie, die für ihre Rechte noch nicht selbst einstehen können, wird ohne wahrnehmbare Debatte und entgegen mancher psychologisch wissenschaftlicher Erkenntnisse entschieden?

Sorry, aber waren alle großen Worte über die Bedeutung der Kinderrechte tatsächlich nur Lippenbekenntnisse?! Was die Abwesenheit von sozialem Kontakt zu etwa Gleichaltrigen für einen Vierjährigen bedeutet und was das mit ihm, seiner Psyche, seiner Entwicklung und seinem daraus resultierenden Verhalten macht, studiere ich gerade am eigenen Kind. Zwischen VideoMeetings, dem verzweifelten Versuch die häusliche Rollenverteilung der 50er zu vermeiden, Erklärungen, was und warum Jugendarbeit gerade eigentlich und überhaupt macht und leistet und der einigermaßen schleppenden Entwicklung von KrisenPapaKompetenzen.

Ob ich denn nicht einsehen könne, dass das zwar „nicht schön“ sei, aber die Kinder ja so wenigstens gesund blieben. So etwas hör ich gerade von vielen Seiten. Von Menschen die selbst bei einem Höchstmaß an Empathie (was beim alten, reichen, weißen Mann ja eher selten anzutreffen ist) eben die Situation in der sich meine Familie gerade befindet nicht nachvollziehen können. Oder schlimmer, es gar nicht erst wollen. Ob meine Kinder gesund bleiben, weiß ich nicht. Und dabei geht es nicht nur um die Krankheit, die dieses Virus auslöst. Mitten im Spiel wird mein Sohn (4) heute plötzlich ganz still und steht mit hängendem Kopf einigermaßen entrückt einfach da. Auf Nachfrage kommt die Antwort: „hier wohnt doch C***. Aber ich darf nicht mit ihr spielen. Wegen dem blöden Virus.“

Covid19 ist Scheiße und das Virus wer weiß wie gefährlich. Es ist, wie es ist. Darüber hört und liest man viel. Die Gefahr aber, die für Kinder von Social Distancing ausgeht, wird in meiner Wahrnehmung in keiner der derzeit geführten Debatten ernsthaft thematisiert, geschweige denn als essenzieller Bestandteil zu Entscheidungsfindungen herangezogen. Wir Erwachsenen sind vielleicht physisch von einander distanziert, soziale Kontakte können wir über Methoden und Kanäle wahrnehmen, die Kindern nicht zur Verfügung stehen. Ohne dass sie verstehen, sind es die Kinder (und ja auch die Alten und Kranken), die die Bedeutung tatsächlicher sozialer Distanz gerade spüren. Ich dachte es geht gerade um Solidarität?! Die Risikogruppen schützen, indem man Kinder von einander fern hält und Restpostenläden, Autohäuser und Friseursalons wieder öffnet? Ehrlich?

Ich weiß, dass wir nicht einfach zurück können. Und das will ich auch nicht.

Schüler*innen wird die Pflicht auferlegt, in den kommenden Wochen wieder die Schule zu besuchen. Selbst wenn die Mutter zuhause gerade wieder mit nem MS Schub zu kämpfen hat, gilt für Töchterchen die Schulpflicht. Kindern im Kitaalter wird die Pflicht zur Entbehrung sozialer Kontakte mit Gleichaltrigen auferlegt. In meinen Augen passt hier irgend etwas nicht.

Damit man das hier auch richtig einordnen kann. Ich habe keine Lösung. Viel wichtiger als jede spontane Lösungsidee wäre ein mit grundsätzlichen Freiheitsrechten und Interessen der Wirtschaft gleichwertiger Einbezug der Kinderrechte in die Prozesse zur Entscheidungsfindung bei der Strategieentwicklung zur Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung von SarsCov2. Oder?

Kristoffer Baumann ist Arbeitsbereichsleiter für Kinder- & Jugendarbeit im Stadtteilzentrum Steglitz e.V. und  darüber hinaus zuständig für Fundraising und Innovationsmanagement des Vereins. 

E-Mail: baumann@sz-s.de

3 Gedanken zu “zur Diskussion: „Wegen dem blöden Virus“ …von Kindern, Autohäusern und Solidarität

  1. Ich stimme Dir vollkommen zu, Kristoffer! Wir müssen langsam mal anfangen, die Verteilung der Lasten, die Covid19 mit sich bringt, unter die Lupe zu nehmen. Kinder gehören nicht gerade zur durch C19 verursachten Risikogruppe – wenn sie nicht gerade Athma oder so haben. Das sind die Alten (, zu denen auch ich gehöre), die ohne Mundschutz durch den Supermarkt laufen (, zu denen ich nicht gehöre). Wer sich jetzt noch infiziert, hat entweder großes Pech gehabt oder beim Selbstschutz geschlampt. – Weshalb gab es eigentlich keine vergleichbaren Maßnahmen, als in Deutschland vor 2 Jahren ~25.000 an Influenza gestorben sind. Von einer derartigen Opferzahl sind wir gegenwärtig noch weit entfernt, aber die Einschränkungen sind drastisch. – Und: Wer ist eigentlich die Risikogruppe? Diejenigen, die gefährdet sind, oder diejenigen, die gefährden?
    Falls jemand meint, ich könnte – inzwischen – die verordneten Freiheitseinschränkungen für übertrieben halten: richtig! – Kristoffer, Ihr Eltern leistet gerade nahezu Übermenschliches! Ich hoffe, Deine Jungs müssen das nicht ausbaden. – Gruß von Hanfried

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