arbeiten im Corona-Modus, 6. Woche: alles locker trotz Lockerungen?

In Berlin werden ab Montag – so wie überall – die Kitas und Schulen weiter schrittweise geöffnet. Mehr Kinder, mehr Elternkontakte, mehr Kontakte mit Kolleg*innen und und und …… Das Corona-Risiko für alle Erzieher*innen steigt erheblich – aber nur ein paar wenige sollen dafür vom Berliner Senat gewürdigt werden. Trotz aller Lockerungen – ich kann da nicht locker bleiben.

Die Not der Kinder und ihrer Eltern ist in diesen Zeiten erheblich. Kristoffer Baumann hat das in seinem Gastbeitrag auf diesem Blog anschaulich beschrieben. HomeOffice führt zu Mega-Stress bei den Eltern und zu noch mehr Stress bei den Kindern – denn sie können natürlich nicht verstehen, warum sie nicht mehr mit anderen Kindern in der Kita lernen und spielen dürfen oder warum der Spielplatz in der Nachbarschaft für sie nun „verbotene Zone“ ist. Alle sehnen sich danach, dass diese Corona-Krise endlich ein Ende findet, endlich aufhört unser aller Leben und unsere Freiheitsrechte so zu beschneiden und zu reglementieren. Corona ist sche***e. Für alle.

Alle wollen Freiheit. Primär für sich selbst.

Kein Wunder also, dass an allen Ecken nun nach weiteren Lockerungen der Corona-Beschränkungen gerufen wird, verständlich, dass jede Gruppe für sich besondere Umstände und besondere Schwierigkeiten geltend macht, in der Hoffnung, dass speziell für sie besonderes Entgegenkommen beschlossen wird. Und ich meine da nicht mal in erster Linie die Bundesligavereine oder die Lobbyverbände der Industrie. Ich meine auch alle „ganz normalen“ Interessengruppen: die Eltern, die Abiturienten, die Großeltern, die Freizeitsportler*innen, die Kneipenbesucher*innen, die Pfarrer*innen  und die Gläubigen. Und die Ungläubigen sowieso. Alle wollen Freiheit. Primär für sich selbst.

In den vergangenen Wochen galten besondere Regelungen lediglich für „systemrelevante“ Berufsgruppen: Medizinisches Personal, Mitarbeitende in der kritischen Infrastruktur, Polizei, Feuerwehr, bestimmter Einzelhandel und Pflegekräfte und natürlich auch Erzieherinnen und Erzieher, denn sie waren und sind für die Betreuung der „systemrelevanten Kinder“ zuständig und damit selbst systemrelevant. Der Kreis derer, die als systemrelevant gelten, wurde in den letzten zwei, drei Wochen immer mehr erweitert. Und ab Montag gelten weitere Lockerungen – der Druck der Eltern auf die Politik hat gewirkt: Die Kinderzahlen werden erheblich steigen – und damit nun auch das Infektionsrisiko für die Beschäftigten in den Kitas.

Ein Risiko, das ein Stück weit  minimiert werden kann, wenn sich Eltern an strenge Regeln halten: Abstands- und Hygieneregeln beim Bringen und Abholen der Kinder, kranke Kinder nicht in die Kita bringen, Anzahl der Sozialkontakte der Kinder ausserhalb auf das absolut notwendige Minimum zu begrenzen. Ich hoffe, dass unsere Kita-Eltern diese Vorgaben ernst nehmen: denn es geht hier auch um die Gesundheit und die Unversehrtheit unserer  Erzieher*innen, die natürlich auch Ängste und Sorgen in Bezug auf eine mögliche Corona-Infektion haben.

Prämien für wenige – die Mehrzahl der Kolleg*innen, die den „Laden am laufen“ halten, sollen leer ausgehen

Dass diese Belastung für Erzieherinnen und Erzieher erheblich ist, hat auch der Berliner Senat bemerkt und mit der Ankündigung einer Prämie in Höhe von € 1000.- für die Beschäftigten überrascht, die den „Laden“ am Laufen gehalten haben und die z.B.in den letzten sechs Wochen die Notbetreuung in Schulen und Kitas gesichert haben und dies weiter tun…. Aber leider nicht für alle: Nur die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes sollen in den Genuss dieser finanziellen Würdigung ihres besonderen Einsatzes und Engagements kommen. Die Beschäftigten frei-gemeinnütziger Träger bleiben mal wieder aussen vor. Obwohl freie Träger knapp 80% der rund 163.000 Kitaplätze in Berlin vorhalten wird ihr Beitrag zur Aufrechterhaltung der systemrelevanten Infrastruktur nicht gewürdigt. Ähnlich wie bei der sog. „Hauptstadtzulage“ misst der Berliner Senat hier mit zweierlei Maß: ein Extraschlückchen aus der Steuerpulle für die direkt beim Land Beschäftigten, leere Worthülsen des Dankes an die Beschäftigten der frei-gemeinnützigen Kitas.

Land Berlin verschafft sich Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte 

Und diese Ungleichbehandlung hat System in Berlin und dient als Instrument der Sicherung eines Konkurrenzvorteils im Werben um Fachkräfte. So beschreibt es zumindest Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz in einem Schreiben an den Paritätischen Berlin im Dezember 2019, als es um die Zahlung der Hauptstadtzulage ging. Der Paritätische und andere Wohlfahrtsverbände haben diese Zulage auch für die  Mitarbeitenden freier Träger gefordert. Kollatz: „Der Senat beabsichtigt mit der Hauptstadtzulage für die Landesbediensteten die in der Vergangenheit vielfach geforderte bessere Bezahlung zu erreichen, weil das Land sonst nicht mehr ausreichend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwerben und halten könne. Die Forderung bezog dabei auch explizit den Sozial- und Erziehungsdienst mit ein. Mit der Maßnahme verbindet der Senat daher die Erwartung die Attraktivität für eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst des Landes Berlin zu steigern, in dem die Landesbeschäftigten vergleichsweise zu anderen Beschäftigten begrenzt bessergestellt werden.“

Das Subsidiaritätsprinzip wird hier mit Füßen getreten. Die große Mehrheit der Erzieherinnen und Erzieher, die einen großen Anteil daran haben,  dass unsere Systeme in Corona-Zeiten nicht vollkommen kollabieren, guckt in die Röhre.

Es bleibt zu hoffen, dass die Wohlfahrtsverbände sich diesmal kräftig ins Zeug legen, damit sich hier doch noch was dreht. In einem Appell an den Regierenden Bürgermeister von Berlin fordern sie Gleichbehandlung aller Beschäftigten in der Krisen- und Notbetreuung. Ich rechne mit breiter Unterstützung aller Parteien und gesellschaftlicher Gruppen. Und hoffe auf ein Machtwort von Michael Müller im Senat.

 

Ein Gedanke zu “arbeiten im Corona-Modus, 6. Woche: alles locker trotz Lockerungen?

  1. Ja, außerordentlich ärgerlich, aus der Wertschätzung der Erzieher_innen jetzt ein Politikum mit der Prämie draus zu machen. Der Paritäter muß hier konsequent dagegen vorgehen! Von wegen Subsidariät…Anerkennung auch im Nachrang? Und was ist mit Sozialarbeiter_innen?

    Gefällt 1 Person

schreib einen Kommentar.....

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.