eine neue Verwaltung braucht das Land……

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Heute (14.1.21) wird Ina Deter  74 Jahre alt. Die älteren unter uns kennen von ihr vor allem den Song „Neue Männer braucht das Land“. Als ich das Lied dann heute morgen wieder mal hörte  (der Ohrwurm begleitet mich nun schon den ganzen Tag) kam mir der Gedanke, dass ich das a.)  heute zwar immer noch so unterschreiben würde und b.) dieses Land aber heute vielleicht viel dringender eine neue Verwaltung braucht. Und ich würde es am liebsten an jede Häuserwand sprühen: Eine neue Verwaltung braucht das Land!“

Die Pandemie und alle Aufgaben, die sich aus ihr ergeben, führt meiner Wahrnehmung nach zu einem Verwaltungsversagen von dramatischen Ausmaß. Mit Konsequenzen in fast allen Lebensbereichen.

Egal mit wem ich in diesen Tagen und Wochen spreche, egal, welche Nachrichtensendung ich sehe oder welche Tageszeitung ich aufschlage: Überall sind Bürger*innen, Unternehmen und Organisationen mit den Folgen eines Verwaltungshandelns konfrontiert, das eindrücklich belegt, dass es „der Verwaltung“ sehr häufig nicht gelingt, angemessen auf die Herausforderungen der akuten / aktuellen Krise zu reagieren. Sachgemäße Antworten auf neue Fragen bleibt sie oft schuldig – und was noch schlimmer ist: sie sabotiert Lösungsansätze und -strategien, die außerhalb der Verwaltung entwickelt und umgesetzt werden könnten.

Beispiele?

  • die rbb-Abendschau berichtet am 13.1. über eine Eltern-Initiative, die für eine Kreuzberger Schule in Eigenregie Luftfilter (nach RKI-Standards) herstellen und installieren will  – und wird von Schulamt und Senatsverwaltung ausgebremst. Folge: die einfachen, aber hoch wirksamen Luftfilter dürfen nicht gebaut werden; teure professionelle Geräte müssen europaweit ausgeschrieben werden …. Kauf und Installation ist dann frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2021 möglich ( >> zum Bericht / ab Minute 9.26);
  • das Drama um die geplanten Schulöffnungen in Berlin ab dem 11.1. und den chaotischen Rückzug von diesen Planungen am Freitag, den 8.1. lasse ich hier umkommentiert;
  • das (Nicht-) Impftheater, weil nicht genug Impfstoff beschafft wurde, auch;
  • ein Steuerberater aus Berlin berichtet mir von seinen verzweifelten Versuchen, für seine Klienten über das vorgegebene Online-Portal Anträge auf die sog. „November-Hilfen“ (die man jetzt im Januar endlich beantragen kann)  zu stellen. Das bereitgestellte Portal eine Katastophe, Ansprechpartner*innen zur Lösung der technischen Probleme Fehlanzeige. Da hängen Existenzen dran….. stört aber offensichtlich niemanden ….;
  • Ich kenne viele Schüler*innen aus finanziell benachteiligten Familien, die dringend ein Tablet gebrauchen könnten, um Home-Schooling mitmachen zu können.  40.000 hat die Senatsverwaltung für diese Schüler*innen bereits im Oktober zugesagt – in den Brennpunkten in denen unser Verein mit Schulen zu tun hat, ist bis heute keins angekommen…..
  • Kitas sollen für Kinder eine Notversorgung sicherstellen, wenn Eltern einen „dringenden Betreuungsbedarf“ geltend machen – der „Aushandlungsprozess“, was dringend ist oder nicht, wird Eltern und Kitas aufs Auge gedrückt – zusätzliche Belastungen für Leitungen und Erzieher*innen und für die Eltern in ohnehin schon belastenden Zeiten. Und sorgt die Senatsverwaltung wenigstens für den Schutz der Mitarbeitenden in den Betreuungseinrichtungen? Fehlanzeige – und das obwohl Erzieher*innen auf Platz 1 der am stärksten von Corona-Infektionen betroffenen Berufe gehören. Die Gewerkschaft GEW sieht sich gezwungen für den Gesundheitsschutz der Pädagogen eine Onlinepetition zu starten. In einem Brandbrief an die Senatorin werden einfachste Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten gefordert – weil die Senatsverwaltung die Notwendigkeit solcher Maßnahmen  seit Beginn der Pandemie im März 2020 zwar immer wieder unterstreicht – sie aber nicht umgesetzt bekommt.

Diese Liste liesse sich schier endlos fortführen…… Ich habe aber gar keine Lust, mich hier selbst in eine Negativ-Trance zu schreiben. Was mich viel mehr interessiert: Warum ist das so? Und was muss passieren, damit es besser wird?

Ich kenne sehr viele Menschen, die in der Berliner Verwaltung arbeiten. Die allermeisten von Ihnen sind gute Menschen: sie wollen ihren Job gut machen, schätzen Dinge richtig ein, sind motiviert und haben auf ihrem Gebiet meist eine hohe fachliche Kompetenz. Und trotzdem klappt so wenig. Meine Vermutung: es liegt an der Art und Weise, wie die Arbeit organisiert ist.

Schon in „normalen“ Zeiten tut sich Verwaltung häufig schwer, sich flexibel und angemessen auf sich verändernde Anforderungen einzustellen und angemessene Lösungen zu produzieren. In Krisen, also in einer vollkommen „chaotischen Umgebung“ scheitert sie grandios. Bürokratie und ausdifferenzierte Hierarchien gepaart mit Zuständigkeitsgerangel und  die fehlende Bevollmächtigung der Mitarbeitenden durch die  „obersten Leitung“,  eigenständig Lösungen zu finden und Entscheidungen zu treffen,  tragen unmittelbar dazu bei, dass die öffentliche Verwaltung ihrem Auftrag („im Dienst für den Bürger“) immer häufiger nicht mehr gerecht werden kann. Unsachgemäße und nicht zeitgemäße Ausstattung und die Folgen einer kurzsichtigen Personalpolitik kommen „strafverschärfend“ dazu.

Chaotische Zeiten, Krisen brauchen andere Antworten, erfordern anderes Handeln. Und es ist davon auszugehen, dass gerade auch in der Krise die Bezeichnung „VUCA“-Welt für die Verwaltung eine neue Relevanz bekommt.

VUCA ist ein Akronym, die Buchstaben stehen  für

Volatility/Volatilität  – was hier für Unbeständigkeit und ständiger Schwankung steht;

Uncertainty/Unsicherheit

Complexity/Komplexität

Ambiguity/Ambiguität/Ambivalenz (nichts ist mehr so, wie es scheint….)

Diesen vier Herausforderungen – so ein sich immer mehr durchsetzender Ansatz in der Welt der Unternehmensführung und Organisationsentwicklung – können wir nur gerecht werden, wenn wir unsere alten, traditionellen Arbeitsweisen und -strukturen über Bord schmeissen und zu agilen Arbeits- und Organisationsformen kommen. Organisationsformen, die auf Hierarchien verzichten, in denen synergetisch und mit wechselnden Rollen an definierten Aufgaben und Projekten gearbeitet wird, wo Selbstorganisation, Selbstverantwortung und Selbststeuerung Grundsätze jeder Tätigkeit sind und denen sich temporäre und immer wieder unterschiedlich zusammengesetzte kompetente Teams und Einheiten bilden, die sich flexibel und ohne Bürokratie (und die damit verbundenen Machtspielchen) auf sich permanent verändernde Rahmenbedingungen und Aufgabenstellungen einstellen können.

Aber geht das auch mit der Verwaltung? In Deutschland? Und wie würde agiles Verwaltungshandeln aussehen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich das „Forum Agile Verwaltung“ schon seit einiger Zeit. Und die Denk- und Lösungsansätze sind spannend. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir unbedingt ein großes nationales Projekt „Reinventing Verwaltung“ brauchen. Und gleich nach dieser Krise – und vor der nächsten – sollten wir die Diskussion darüber offensiv einfordern.

In der nächsten  Woche könnt Ihr hier im Blog ein Interview mit Thomas Michl vom Forum Agile Verwaltung lesen. ich würde mich freuen, wenn dies dazu beitragen würde, die Diskussion zur Zukunft unserer öffentlichen Verwaltung zu befeuern. Denn dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, haben jetzt  doch alle verstanden, oder? 

2 Gedanken zu “eine neue Verwaltung braucht das Land……

  1. Lieber Thomas,
    zunächst ein weiteres Beispiel: SenGPG hat am 16.12.2020 eine Verordnung herausgegeben, wonach u.a. Pflegekräfte alle zwei Tage mit einem Schnelltest auf Covid-19 getestet werden sollen. Pflegekräfte, bei denen dieser Takt nicht eingehalten werden konnte, dürfen seit diesem Tag nicht mehr für „körpernahe Leistungen“ eingesetzt werden. Hätte sich irgendjemand an diese Vorschrift gehalten, wäre innerhalb einer Woche die ambulante Pflege in Berlin zusammengebrochen: Die Leute wären nicht an C sondern am Mangel an Insulin verstorben.

    Der Grund für derart unsachgemäße Entscheidungen liegt im Mangel an Notwendigkeit, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Niklas Luhmann hat das in seiner ausgezeichneten Schrift „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ sehr überzeugend herausgearbeitet. Er unterscheidet zwischen Verantwortlichkeit, also der Pflicht, regelkonform zu arbeiten, und Verantwortung, der Notwendigkeit, die Konsequenzen des eigenen Verhaltens zu tragen. Wem das zu theoretisch ist, versteht sicher, dass „Dienst nach Vorschrift“ kein Leistungsversprechen sondern eine Drohung ist. Das einzige Korrektiv für das strukturelle Defizit von Verantwortung im Organisationshandeln kann das Gewissen der Individuen sein, die der Organisation angehören. Das Gewissen wirft die Frage auf: Was kommt dabei heraus, wenn ich links oder rechts lang gehe. Leider sind die Konsequenzen unseres Handelns immer nur begrenzt vorhersehbar. Wie lässt sich das Problem lösen? Wir reden mit den potenziell von unserer Entscheidung Betroffenen, Erfahrungen mit der Anwendung von Regeln werden kurzfristig reflektiert, Entscheidungen modifiziert. Und genau das geschieht von Seiten der Verwaltung oft genug nicht. – Zum Glück gibt es viele gewissenhafte Mitarbeiter*innen in der öffentlichen Verwaltung, die ihre Interpretationsspielräume bei der Anwendung von Regeln ergebnisorientiert nutzen. Andere tun das aber nicht, weil sie entweder Angst vor der Übernahme von Verantwortung, keine Ahnung oder kein Gewissen haben. Da helfen dann nur noch Massenproteste, wie sie es gerade bezüglich der Entscheidung zur Schulöffnung gegeben hat (, wobei dieser Vorgang komplexer gewesen zu sein scheint, als er oft dargestellt wird).

    Du schreibst, so viele Kinder bräuchten ein Tablet, um am Online-Unterricht teilnehmen zu können? Ich habe mal eine kleine Spende (€ 500) geleistet. Beglücke irgendein Kind damit. – Vielen Dank! – Herzliche Grüße von Hanfried

    Gefällt 3 Personen

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