GF-Tagebuch #KW40: mal wieder sortieren und neu anfangen

Die letzten drei Wochen waren für mich ganz persönlich sehr herausfordernd und ungewöhnlich. Am Montag, den 20. September bin ich nach einem Online-Meeting in meinem Büro umgekippt, also kurzfristig mal ohnmächtig geworden. Beim Umfallen bin ich mit dem Kopf auf dem Fußboden aufgeschlagen und hab mir eine krasse Kopfplatzwunde zugezogen. Die Kolleg*innen in der Geschäftsstelle haben schnell reagiert und die herbeigerufene Feuerwehr hat mich ins Krankenhaus gebracht, wo ich dann auch drei Tage für alle möglichen Untersuchungen aufgenommen wurde. Danach war ich dann noch anderthalb Wochen krankgeschrieben und seit letzten Montag wieder im Büro. Vom Schreck, den ich den Kolleg*innen und mir eingejagt  habe mal abgesehen, hat mich dieser „Umfall“ ziemlich durcheinander gebracht. Mein Selbstbild – ich bin ein „Steh-auf-Männchen“ und quasi „unverwundbar“ – hat eine leicht schmerzhafte Korrektur erfahren. Und auch in der zurückliegenden Woche hat mich diese Erfahrung noch sehr verunsichert.  Im Umgang mit Anderen war ich merkwürdig unkonzentriert, teils diffus, irgendwie „mitgenommen“. Und das gar nicht so sehr, weil ich noch unter den Beeinträchtigungen leide (die Kopfwunde ist mittlerweile recht gut verheilt), sondern weil ich in mir das Bedürfnis verspüre,  mir ein paar mich betreffende Dinge genauer anzusehen, mir das Konzept „Selbstfürsorge“ nochmal genauer anzuschauen und überhaupt meine Prioritäten neu zu sortieren und mich selbst und meinen „inneren Kompass“  besser auszurichten.

© Coloures-pic – Fotolia.com

Ich schreibe das, weil ich im Zusammenhang mit meinem eigenen „Vorfall“ bemerke, dass ich einen neuen Zugang zu der Frage finde (bzw. noch suche….), wie wir uns, unsere Arbeit, unser Miteinander so gestalten können, dass es uns selbst (und anderen) nicht schadet, dass wir uns noch besser als „ganzer Mensch“ zeigen und einbringen können – und vor allem:  Wie können wir sicherstellen, dass die wirklich wirklich wichtigen Dinge unsere größte Aufmerksamkeit bekommen – trotz der vielen chaotischen und komplexen Anforderungen, die der „normale“ Alltag mit all seinen Dringlichkeiten und Nervereien so in unseren Arbeitstag spült.

In der Zeitschrift „Neue Narrative“ (Neue Narrative) geht es in der aktuellen Ausgabe um das Thema Gesundheit und Krankheit – Titel des Heftes „Wir sind doch alle krank!“.  In einer Mini-Umfrage wurde gefragt: „Was ist eine gesunde Organisation für Dich?“ Ein paar Antworten waren ganz interessant: „Für mich machen gesund denkende Menschen eine Organisation aus. Wenn ein*e Teamleiter*in selber kein gesundes Menschenbild hat, dann leiden viele Mitarbeiter*innen unter ihm*ihr.“ …. „Eine Organisation ist für mich gesund, wenn sie bereit ist, mehr zu geben, als sie zu nehmen beansprucht.“ …..“Dass keine Lohnarbeit es je Wert ist, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen.“…… „Dass eine gebrochene Seele genau so sein darf, wie ein gebrochenes Bein.“

Wir im Stadtteilzentrum Steglitz sind auf dem Weg uns über unsere Kultur in der Organisation ein paar grundlegende Gedanken zu machen und haben schon einige Veränderungsprozesse angestossen. Und intern via TEAMS haben Kolleg*innen schon sehr offen über ihre „gebrochenen Seelen“ und/oder über ihre persönlichen „Gesundheitsbaustellen“ geschrieben. Das muss niemand so machen – solche „Coming Outs“ sind immer Ausdruck einer ganz persönlichen und individuellen Entscheidung. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir im Miteinander und in der täglichen Zusammenarbeit nur davon profitieren können, wenn wir unseren Kolleg*innen auch etwas von unseren „verletzlichen“, verletzten und „schwachen“ Seiten zeigen. In der o.g. Zeitschrift, gibt es als Beilage einen Bogen mit sog. „Stigma-Stickern“ – kleine Aufkleber, die sich Kolleg*innen an die Bürotür (oder wohin auch immer) kleben können, und die sichtbar machen, mit welchen (chronischen) Leiden jemand so zu kämpfen hat …. Es gibt z.B. Aufkleber „Migräne“, „Krebs“, „Sucht“, „Schlaflosigkeit“, „Rückenprobleme“…… und viele mehr…….. Was würde sich in der Zusammenarbeit ändern, wenn wir solche Dinge voneinander wüssten?

„Unternehmenskultur“ ist ein großes Thema – und in unserem Veränderungsprozess stehen wir da erst am Anfang. Die „Tücken“ zeigen sich im Alltag. Werte wie Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit, Verantwortung müssen immer wieder neu gelebt, geprüft und besprochen werden. Alle sind sich einig, dass diese Werte wichtig sind, in einer konkreten (Entscheidungs-) Situation und immer da, wo sich gegensätzliche Meinungen und Einschätzungen gegenüber stehen, muss sich aber zeigen und beweisen, wie aus diesen Werten dann Prinzipien und (ggf.) neue Regeln werden. Hier hat mir auch ein Teambesuch am Donnerstag noch einige wichtige Impulse mitgegeben. An bestimmten Punkten (AU-Bescheinigungen, „K.O.-Tage“) waren / sind wir unterschiedlicher Meinung und haben aufgrund unserer verschiedenen Perspektiven andere Aspekte im Fokus – und gerade für diese Themen und Punkte braucht es gute „Formate“ und Gelegenheiten miteinander in gute Gesprächs-, Diskussions- und Aushandlungsrunden zu kommen. Ein wichtiges Thema für unsere MIV, für die nach Corona wieder zu belebenden internen AGs und natürlich auch auf der Ebene der Projekt- und Einrichtungsleitungen. Mit den Projektleitenden und ihren Stellvertretungen werden wir im November und im Januar in Klausurtage gehen um zu besprechen, wie wir all diese Themenfelder und Aufgaben (die auch Themen beim diesjährigen Mitarbeitendentag waren), die auch zu einer Weiterentwicklung auch unseres Leitbildes führen werden, so strukturieren und organisieren können, dass sie im nächsten Jahr im Stadtteilzentrum fokussiert und breit bearbeitet werden können.

Ich werde berichten 🙂

Ein Gedanke zu “GF-Tagebuch #KW40: mal wieder sortieren und neu anfangen

  1. Danke, meines Erachtens, ist Dein neuer Blog Beitrag bedeutsam. Die Selbstfürsorge für MitarbeiterInnen innerhalb der Sozialen Arbeit ist wesentlich. Auch schön, wenn eine „gesunde Organisation“ bei Euch, deren Voraussetzungen und eigene Handlungen der Selbstwirksamkeit der einzelnen Menschen von Bedeutung sind.

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