Ohne frei-gemeinnützige Organisationen läuft nichts

Ein paar Gedanken zum Subsidiaritätsprinzip und zur Haltung gegenüber frei-gemeinnützigen Organisationen

Vor einiger Zeit habe ich mich hier im Blog mal ausgelassen, weil mich der Umgang mit frei-gemeinnützigen Organisationen (nicht nur) hier im Bezirk mitunter sehr aufregt. Anlass war, dass ich auf einer Veranstaltung des Jugendamtes über ein neues „wording“ gestolpert bin: man sprach dort stets von „öffentlicher“ und „öffentlich finanzierter“ Jugendhilfe. Mit dieser Wortwahl sollte wohl die übliche Begrifflichkeit „öffentliche Jugendhilfe“ und „Jugendhilfe in freier Trägerschaft“ ersetzt oder umgangen werden. Diese Begriffswahl hat ein bisschen an alte Diskussionen in den 1990er-Jahren erinnert.

Die Formulierung „öffentlich“ und „öffentlich finanziert“ ist irrelevant und nicht hilfreich  – sie ist nicht mal eine „richtige“ Unterscheidung. („öffentlich finanziert“ sind auch die im öffentlichen Dienst beschäftigten Mitarbeiter*innen …). Sie steht für eine Haltung, die den Wert und die Bedeutung freier Jugendhilfe und einer in frei-gemeinnütziger Trägerschaft organisierten Sozialarbeit nicht würdigt.

Damals – in den 1990er Jahren – war (zumindest in unserem Bezirk) die Rolle der frei-gemeinnützigen Träger noch ziemlich unklar, ihr Stellenwert umstritten. Sehr stark lag der Fokus auf staatlichen Angeboten – freie Träger hatten bestenfalls die Funktion ergänzende Angebote – meist vollkommen unzulänglich finanziert – zu übernehmen. Dies hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten zwar zunächst positiv verändert – aktuell beobachten wir aber wieder eine „Rolle rückwärts“ zu einer Haltung, die von Misstrauen und Kontrollzwang geprägt ist und unterstellt, dass frei-gemeinnützige Organisationen ihre Arbeit vorrangig aus eigenwirtschaftlichem Interesse heraus machen. Das ist falsch und fataler Unsinn.

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zum 3. Oktober: Es ist unsere Demokratie!

Gestern habe ich mit meinen Kolleg*innen im Stadtteilzentrum Steglitz ein paar Gedanken zum Tag der deutschen Einheit geteilt, die ich – leicht angepasst – auch mit Euch teilen möchte. Und „by the way“: Ich hoffe, wir sehen uns am 8. Oktober in Berlin zur Gegendemonstration, wenn Rechtsextremisten aus ganz Deutschland mobil machen und hier unter dem Motto „Unser Land zuerst“ ihre kruden und menschenverachtenden Thesen und Forderungen vortragen!

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Ruhe im Kopf

Wie gehst du mit akuten „Bedrohungen“ um? Damit meine ich nicht, die globalen Bedrohungen, von denen wir alle betroffen sind (Pandemien, Kriege, Klimakrise …..), sondern, die „kleinen“ Alltagsbedrohungen, die häufig unerwartet in unser Leben eindringen: schlechte Nachrichten, Plänänderungen, die dich hart treffen, Forderungen oder ungerechtfertigte Beschuldigungen, mit denen du konfrontiert bist und zu denen du dich verhalten musst. Privat und beruflich hatte ich einige Gelegenheiten meinen Umgang damit zu üben.

Für mich hat sich ein Vorgehen in drei Schritten bewährt: Faktencheck, Raum wechseln, in Beziehung gehen. Was hat es damit auf sich?

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GF-Tagebuch #KW32/2022

Liebe Leute….. es ist lange her, dass ich mich mit meinem GF-Tagebuch beschäftigt habe. Das heisst natürlich nicht, dass ich in der Zeit untätig war – intern im Stadtteilzentrum Steglitz hat sich das GF-Logbuch, das ich zusammen mit meinem GF – Kollegen regelmäßig schreibe, sehr gut entwickelt – aber es sind in der Zwischenzeit viele Dinge passiert, bei denen ich nicht so recht weiß, wie ich sie in der Öffentlichkeit angemessen ausbreiten kann, ohne den falschen Leute auf die richtigen Füße zu treten….. naja, Ihr wisst schon, was ich meine …. 😉 Also habe ich mich ein bisschen doll zurück gehalten.

Dann kam Hendrik Epe. In einem Blogbeitrag führt er diesen Blog hier mit auf, als die (seiner Meinung nach) „11 besten Blogs rund um agiles Management, Organsiationsentwicklung und Co.“ vorgestellt wurden. (HIER der Link zu dem Beitrag von Hendrik) – das hat mich gefreut, vor allem aber herausgefordert. Und es hat meine Motivation befördert, meiner Schreiblust wieder regelmäßig(er) nachzugehen.

Heute fange ich also mal an, wieder anzufangen.

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Was stimmt mit mir (nicht)?

Ich habe seit ein paar Monaten nichts mehr auf meinem Blog veröffentlicht. Und auch heute tue ich mich schwer in Worte zu fassen, was ich loswerden will. Ich beobachte mich und stelle fest, dass ich mich selbst und die Welt um mich herum sich in den letzten Jahren heftig verändert hat. Diese Veränderungen lösen in mir unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Gefühle aus. Und was ich daraus machen werde, weiss ich noch nicht. Vielleicht auch ganz gut so.

In meinem Lieblingspodcast „Hotel Matze“ haben sich Matze Hielscher und Philip Siefer Ende März über die „Hierachie der Gefühle“ unterhalten. (Den Podcast findet Ihr auf allen gängigen Podcast-Plattformen). Zwei Sätze, die mir hängengeblieben sind: „Es gibt keine richtigen und keine falschen Gefühle“ und „Selbstführung ist Selbstfühlung“. Das klingt erstmal nicht revolutionär, hat aber in mir ein paar Gedanken ausgelöst. Ich selbst neige dazu, meine Gefühle zu bestimmten Dingen sofort nach dem ich merke, dass ich sie fühle, zu bewerten und in eine Schublade zu packen. Ich ärgere mich über jemanden oder über eine bestimmte Sache, und zack – kommt der Bewertungshammer: „Das ist nicht in Ordnung, dass du jetzt Ärger fühlst, der / die andere hatte sicher gute Gründe, sich so zu verhalten…. Die Sache ist ja auch nicht soooo schlimm, was stimmt mit dir nicht, dass du dich darüber so ärgerst? Denk mal positiv und reiss dich zusammen….“ (Das ist nur ein kleiner Auszug 😉 ) .

In mir ist die Tendenz angelegt, Gefühle als richtig oder falsch einzuordnen und zu bewerten. Ärger, Traurigkeit, Neid, Enttäuschung – das sind „schlechte“ Gefühle. Freude, Fröhlichkeit, Liebe, enthusiastische Hochgefühle sind „gute“ Gefühle“. Ich habe gelernt und akzeptiert, dass „gute“ Gefühle OK sind – „schlechte“ behält man besser für sich. Wenn ich „schlechte“ Gefühle habe, stimmt was mit mir nicht, dann bin ich nicht in Ordnung. Eine Möglichkeit damit anders umzugehen – so Philip Siefer in dem oben erwähnten Podcast: Nimm die Gefühle erstmal „nur“ wahr, akzeptiere, dass sie da sind. Bewerte sie nicht. Guck sie dir an, wo genau in die fühlst du diese Gefühle, was lösen sie bei dir aus?

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#KW46: Nur ins Stadion gehen wir nicht……

Ich hätte heute zum Derby gehen können. Mein Lieblingsfußballverein spielt auswärts in Köpenick – und als Hertha-Dauerkarteninhaber habe ich an einer Verlosung der begehrten Tickets teilgenommen. Am Dienstag jedoch hat der Berliner Senat auf Antrag des FC Union die „Vollauslastung“ des Stadions genehmigt, was zur Folge hat, dass dort über 22.000 Menschen dicht an dicht – überwiegend auf Stehplätzen – miteinander viel Zeit verbringen.

Zwar ist für das Spiel die Einhaltung der 2G-Regel vorgegeben – aber der Sprecher von Union hat schon mal vorab zur Kenntnis gegeben, dass man das am Stadion sowieso alles nicht konsequent kontrollieren kann und die Situation ohnehin „außer Kontrolle“ sei. So weit, so schlecht. Ich verzichte also auf das Spiel – denn ich möchte a.) nicht Teil dieser Spreader-Veranstaltung sein und b.) – das wiegt noch schwerer – finde ich, dass ein derart ausgelastetes Stadion wirklich ein fatales Signal aussendet an all diejenigen, die in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen, jeden Tag weit über ihre Grenzen gehen um das Leben (zumeist ungeimpfter) Covid-Patienten zu retten. (kurzer Einschub an alle, die jetzt sagen, dass auch viele Geimpfte auf Intensivstationen liegen: beschäftigt Euch bitte mal mit Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung und lest auf jeden Fall diesen guten Beitrag hier: Impfdurchbrüche: Ungeimpfte 9-mal häufiger auf Intensivstation als Geimpfte – Volksverpetzer 😉 )

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GF-Tagebuch #KW40: mal wieder sortieren und neu anfangen

Die letzten drei Wochen waren für mich ganz persönlich sehr herausfordernd und ungewöhnlich. Am Montag, den 20. September bin ich nach einem Online-Meeting in meinem Büro umgekippt, also kurzfristig mal ohnmächtig geworden. Beim Umfallen bin ich mit dem Kopf auf dem Fußboden aufgeschlagen und hab mir eine krasse Kopfplatzwunde zugezogen. Die Kolleg*innen in der Geschäftsstelle haben schnell reagiert und die herbeigerufene Feuerwehr hat mich ins Krankenhaus gebracht, wo ich dann auch drei Tage für alle möglichen Untersuchungen aufgenommen wurde. Danach war ich dann noch anderthalb Wochen krankgeschrieben und seit letzten Montag wieder im Büro. Vom Schreck, den ich den Kolleg*innen und mir eingejagt  habe mal abgesehen, hat mich dieser „Umfall“ ziemlich durcheinander gebracht. Mein Selbstbild – ich bin ein „Steh-auf-Männchen“ und quasi „unverwundbar“ – hat eine leicht schmerzhafte Korrektur erfahren. Und auch in der zurückliegenden Woche hat mich diese Erfahrung noch sehr verunsichert.  Im Umgang mit Anderen war ich merkwürdig unkonzentriert, teils diffus, irgendwie „mitgenommen“. Und das gar nicht so sehr, weil ich noch unter den Beeinträchtigungen leide (die Kopfwunde ist mittlerweile recht gut verheilt), sondern weil ich in mir das Bedürfnis verspüre,  mir ein paar mich betreffende Dinge genauer anzusehen, mir das Konzept „Selbstfürsorge“ nochmal genauer anzuschauen und überhaupt meine Prioritäten neu zu sortieren und mich selbst und meinen „inneren Kompass“  besser auszurichten.

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„Der Zynismus liegt im System.“

Gewinnmaximierung und gute Pflege – über die Folgen eines unauflösbaren Widerspruchs

Hanfried Wiegel-Herlan ist Geschäftsführer der Sozialstation Zehlendorf und Vorstand des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. Hin und wieder nutzt er diesen Blog, um seine Sicht auf die Dinge aufzuzeigen. Hanfried bringt die Dinge auf den Punkt und legt den Finger in die Wunde. Wenn es um Pflege, den Pflegenotstand und die Auswirkungen auf Pflegende und Gepflegte geht wird er deutlich – wie in diesem Fall. Auslöser für seinen kurzen Beitrag ist ein Artikel im Tagesspiegel vom 15. Juli 2021: „Das Milliardengeschäft Altenpflege“

„Während es beinahe überall an Pflegekräften für die stetig wachsende Zahl an Bedürftigen fehlt, machen internationale Konzerne und Finanzinvestoren mit der Altenpflege das große Geschäft. Wie passt das zusammen? Warum lassen die Regierungen das zu? Und welche Folgen hat das?“ (hier gehts zum ganzen Artikel)

Hier der Kommentar von Hanfried Wiegel-Herlan

„Auf eindrucksvolle Weise wird in Ihrem Report ein weiteres Mal dokumentiert, unter welch enormen Belastungen Pflegekräfte in der Altenpflege z.T. arbeiten müssen. Dass es möglich ist, in der Altenpflege fette Gewinne zu realisieren, liegt aber auch daran, dass Pflegekräfte unzumutbare Arbeitsbedingungen viel zu lange hinnehmen. Würden sie das nicht tun – und angesichts der Arbeitsmarktlage für Pflegekräfte gäbe es reichlich Alternativen – würde das Geschäftsmodell renditeorientierter Pflegheimbetreiber nicht mehr funktionieren. Warum also akzeptieren Pflegekräfte unzumutbare Arbeitsbedingungen? Ich wage mal zwei Thesen:

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15 Jahre .garage berlin: Wer keine Arbeit hat, macht sich welche.

Am 4. Juli 2006, also ziemlich exakt vor 15 Jahren, fand die offizielle Eröffnungsveranstaltung der .garage berlin in der Holsteinischen Straße in Friedenau statt. Mit dabei die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Barbara John, die Geschäftsführung des Jobcenters Steglitz-Zehlendorf, die Staatssekretärin der Senatsverwaltung für Arbeit und natürlich unsere Kolleg*innen aus der .garage Hamburg.

Damals war die .garage noch ein Projekt des Stadtteilzentrum Steglitz (die Ausgründung in eine eigene GmbH erfolgte 2009). Anliegen und Ziel war es – und ist es bis heute – Menschen darin zu unterstützen, sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig zu machen und ein kleines Unternehmen aufzubauen, das einem die Existenz sichert. „Wer keine Arbeit hat, macht sich welche…“ – dieser etwas lapidar klingende Spruch war Programm. Zur Erinnerung: Mitte der 2000er Jahre waren die Hartz-IV-Gesetze noch ganz frisch und in Deutschland herrschte eine – im Vergleich zu heute –  sehr hohe Arbeitslosigkeit.

Zwischenzeitlich sind aus der .garage heraus hunderte Existenzgründungen erfolgt. Die allermeisten erfolgreich. Und hinter jeder Gründung steht ein Mensch, dem es gelungen ist, das Steuer seines Lebens in die Hand zu nehmen, sich unabhängig zu machen von Transferleistungen von Jobcenter oder Arbeitsagentur. Selbstverantwortung und Selbstverpflichtung als Grundlage eines gelingenden Lebens. Das entspricht unserer Überzeugung: „Jeder Mensch hat das Recht, das Beste aus seinem Leben zu machen.“

Im Kern ist sich die .garage immer treu geblieben – und doch ist sie nicht mehr so wie vor 15 Jahren. Aus den anfänglichen Gruppen im „Inkubator“ sind Einzelcoachings und -beratungen geworden. Die Finanzierung läuft solide über AVGS („Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein“). Und neue Aspekte und Anforderungen werden aufgegriffen und integriert. Seit Oktober letzten Jahres sitzt die .garage in Neukölln – mitten im Leben – und Onlinecoaching gehört mittlerweile zum Standardangebot.

Nach und nach entwickelt sich eine eigene „DNA“: Gründung aus Arbeitslosigkeit, Sinnstiftung, Entwicklung von kleinen und mittleren Unternehmen und Organisationen.  Diese drei Schwerpunkte bilden den Rahmen unserer Arbeit und die Basis für die weitere Entwicklung.

Ich gratuliere uns allen, die wir die .garage berlin sind:  Leitungsteam,  Coaches, Gründer*innen, Gesellschafter*innen und Kooperationspartner*innen ….. Jede/r gibt auf seinem Platz sein Bestes. Dafür ganz herzlichen Dank! Nur so kommen (und kamen) wir durch alle Höhen und Tiefen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die .garage großartige Zeiten erleben wird und auch die zukünftigen Stürme meistern wird. Jede Zeit bringt neue Chancen!

Alles Gute zum Geburtstag, liebe .garage berlin! Auf die nächsten – mindestens – 15 Jahre!!

Thomas Mampel

Geschäftsführer

GF-Logbuch #22: 12 Regeln für Führende

Die zurückliegende Woche mit all ihren Gesprächen hat mich mal wieder dazu inspiriert, darüber nachzudenken, was die Rolle von Führung angeht und wie es so aussieht mit Selbst- und Fremdwahrnehmung. Egal ob als Geschäftsführender, als ABL oder Projektleitung oder auch als Mitarbeitender an „vorderster Front“: es ist immer wieder wichtig, sich selbst zu hinterfragen und seine eigenen Muster und inneren Bilder (von sich selbst und von der Welt) auf den Prüfstand zu stellen. Das geht im Allgemeinen nur in einer Umgebung, die gegenseitiges wertschätzendes Feedback und eine lebendige Fehler- und Kommunikationskultur lebt, vorgibt und einfordert. Daran arbeiten wir im Stadtteilzentrum – und dieser Prozess verläuft manchmal nicht schmerz- oder konfliktfrei.

Manchmal verletzen wir Menschen, manchmal werden wir verletzt. Möglicherweise ist das in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen unvermeidlich. Aber was in jedem Fall gilt: Es lohnt sich immer, diese Dinge (auch im Nachhinein) nochmal aufzuarbeiten und zu besprechen. Dann werden Dinge klarer, können sauber abgeschlossen werden und man kann sich frei, unbeschwert und idealerweise ein bisschen schlauer an die anstehenden Jobs und Aufgaben machen. In diesem Sinne vielen Dank an die Kolleg*innen, mit denen ich in dieser Woche über das eine oder andere Problem und Anliegen reden durfte. Ich verbuche diese Gespräche als sehr positive Erfahrung der letzten Woche(n).

Im  Netz habe ich einen  Text gefunden, in denen 12 Regeln formuliert werden, die jede/r Boss / Bossin in seiner Rolle beherzigen sollte. Ich glaube, ich werde da ab und an mal raufgucken 😉

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