Ambulante Pflege in Corona-Zeiten: „Mundschutz wird selbst genäht!“

Gastbeitrag von Hanfried Wiegel-Herlan, Sozialstation Zehlendorf (Berlin)

Ambulante Pflegedienste gehören zu denen, die in diesen pandemischen Zeiten immer noch arbeiten, während viele andere auf anderthalb Meter Abstand gehen müssen und deshalb ihren Job nicht mehr machen können. Unsere Mitarbeiter*innen gehen zu den Angehörigen einer Hochrisikogruppe, den Alten und Multimorbiden. Die Arbeit erfolgt zu großen Teilen mit Ganzkörperkontakt, z.B. beim Transfer eines Pflegebedürftigen vom Krankenbett in den Rollstuhl: Es gibt kaum eine Tätigkeit, bei der unsere Leute die notwendige Distanz einhalten können; d.h., sie arbeiten permanent  in der Gefahrenzone. Aber was wäre die Alternative? Kein Insulin spritzen, keine Wunden versorgen, kein Inkontinenzmaterial wechseln, keine Mahlzeiten zubereiten und anreichen? Dann wären unsere Patient*innen durch unsere Pflegekräfte zwar keiner Ansteckungsgefahr mehr ausgesetzt und würden mit geringerer Wahrscheinlichkeit infiziert werden und an Corona sterben, statt dessen aber an entgleistem Diabetes, Blutvergiftung, anderen Infektionen oder würden verdursten: Keine Alternative! Unsere Leute müssen also raus und riskieren, dass sie angesteckt werden oder andere anstecken.

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Gastbeitrag: „Reisefreiheit … privilegiert per Geburt“

Eine Mitarbeiterin des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. möchte Urlaub machen. Zusammen mit ihrem Ehemann Ousman. Eigentlich etwas ganz normales. Aber die Sache hat einen „Haken“: Ousman ist in Guinea geboren.

Gastbeitrag von Anna Schmidt*

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich – oder doch nicht? Es sollte ein wohlverdienter Urlaub und eine spannende Reise werden. Martina und Ousman hatten die Reise gebucht und freuten sich sehr auf die Sonne und die Geheimnisse Marokkos. Die Koffer wurden gepackt, es ging zum Flughafen und das Flugzeug startete. Alles wie gewünscht. Nach der Landung war die Reise zu Ende. Ousman wurde die Einreise nach Marokko verweigert.

Das Problem: Martina, in Deutschland geboren, darf per Geburt und mit ihrem Pass in 179 Länder der Erde ohne Visum einreisen. Ousman, in Guinea geboren, darf das nicht. Martina hätte sofort einreisen dürfen, aber ihr Ehemann wurde am Flughafen festgehalten. Was beide nicht wussten und auch der Reiseveranstalter im Vorfeld nicht mitteilte: Als Staatsbürger einiger afrikanischer Länder muss man ein paar Tage vor Einreise nach Marokko eine sogenannte eTA – electronic travel authorization online ausfüllen. Hintergrund ist der Versuch vieler Afrikaner über Marokko nach Europa zu gelangen. Trotz Wohnsitz in Berlin und der deutschen Ehefrau an der Seite, wurde Ousman die Einreise verweigert und auch das Ausfüllen des Formulars vor Ort verwehrt. Ihm wurde der Reisepass abgenommen. Sie bekamen die Auskunft, dass die Flughafenangestellten einen Rückflug buchen würde, nicht ohne den Hinweis, dass Martina ja weiter reisen könne. Dann verschwand der Flughafenpolizist für mehrere Stunden. Warten im Passkontrollbereich. Es gab keine Möglichkeit etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen. Immerhin gab es zwischendurch die Information, dass der nächste Rückflug in fünf Tagen gehen würde und beide so lange im Flughafen bleiben müssten.

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Gastbeitrag: „Menschen werden wegen unzureichender pflegerischer Versorgung wieder früher sterben.“

Pflegenotstand 2019

von Hanfried Wiegel-Herlan

Als ich 1983 meinen ersten Job im Bereich der ambulanten Pflege antrat, gab es das Wort vom Pflegenotstand schon: Er war aufgrund der absehbaren, demographischen Entwicklung prognostiziert worden für den Anfang des folgenden Jahrtausends. Die Prognosen haben sich bestätigt: Der Pflegenotstand ist da!

Worin zeigt sich der Pflegenotstand?

Von MitarbeiterInnen in Krankenhäusern höre ich Folgendes: Eine Kollegin kündigt, wechselt zu einer Leasing-Firma, von der sie deutlich besser bezahlt wird, und wird dann auf dieselbe Station ausgeliehen, auf der sie vorher gearbeitet hat – natürlich zu deutlich höheren Kosten für das Krankenhaus, aber immerhin ohne Qualitätsverlust: Sie kennt sich ja aus.

Der Normalfall beim Einsatz von Leasingkräften ist jedoch, dass diese überwiegend
– familienfreundlich – montags bis freitags im Frühdienst arbeiten, sich auf der Station nicht auskennen und die Aufgaben, die Hintergrund- oder Spezialwissen erfordern, dem Stammpersonal überlassen. Das geht – so höre ich – mit Qualitätseinbußen für die PatientInnen, Mehrbelastungen für das Stammpersonal und zusätzlichen Kosten für das Krankenhaus einher. – Manchmal gelingt es aber nicht, die unterbesetzten Schichten mit Leasingkräften aufzufüllen: Dann werden schon mal Betten gesperrt und auf diese Weise das Behandlungsangebot für die Versicherten reduziert.

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Ethikbasiertes Management sozialer Organisationen

Ich bin heute und morgen in Freiburg und treffe mich mit Hendrik Epe um über  „Reinventing Organizations“ zu diskutieren. Denn: das   Thema ist gerade im Stadtteilzentrum Steglitz e.V.  auf der Tagesordnung – wir arbeiten da an ein paar Ideen. Mehr darüber in den nächsten Wochen und Monaten auf diesem Blog.  Es trifft sich gut, dass Mitarbeitende des Stadtteilzentrum Steglitz sich unabhängig voneinander und oft ohne voneinander zu wissen, mit dem Thema beschäftigt und auseinandergesetzt haben. Einer von Ihnen ist Jonas Volpers, der seine Masterarbeit zum Thema „Ethikbsasierte Organisationsgestaltung in der Sozialen Arbeit“ geschrieben hat. Jonas leitet das Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum „KiJuNa“ unseres Vereins in Lichterfelde-Süd.  Eine Kurzfassung der wichtigsten Thesen hat Jonas in dem Artikel „Ethikbasiertes Management sozialer Organsiationen“ knackig zusammengefasst hat. Mit seiner freundlichen Genehmigung wird dieser lesenswerte Beitrag auch auf diesem Blog zur Verfügung gestellt. (Der Beitrag ist vorher u.a. auch bei Ideequadrat   veröffentlicht und besprochen worden…)

Ethikbasiertes Management sozialer Organisationen 

von Jonas Volpers

Die Beschäftigung mit den ethischen Grundlagen des eigenen Handelns ist und bleibt für alle sozialen Organisationen eine zentrale Aufgabe. Ausgehend von der Feststellung, dass zugleich betriebswirtschaftliche Anforderungen verstärkt zu einem zentralen Thema im sozialarbeiterischen Diskurs werden, stellt dieser Beitrag die Frage, wie das Management sozialer Organisationen von ihrem professionsethischen Fundament her gedacht werden kann. Hierbei werden die Beispiele zweier sozialer Träger herangezogen, die in Deutschland vorwiegend im Bereich der Jugendhilfe tätig sind.

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