GF-Tagebuch #9: innovativ, inspirierend, informativ: Graz 2014

Die zurückliegende Woche ist natürlich geprägt gewesen von der Exkursion nach Graz. Elf Kollegen und Kolleginnen aus Steglitz-Zehlendorf – Vertreter*innen freier Träger der Jugendhilfe und des Jugendamtes unseres Bezirks – haben sich vor Ort darüber informiert, wie die Kolleg*innen in Österreichs zweitgrößter Stadt die Jugendhilfe sozialraumorientiert organisieren und finanzieren. Ein vergleichbares  Modell der Finanzierung wollen wir auch in unserem Bezirk einführen und erproben. Nicht alles, aber doch einiges lässt sich von Graz nach Berlin übertragen. Nicht nur, weil Steglitz-Zehlendorf und Graz ungefähr gleich groß sind, sondern v.a. auch weil die Problemlagen im  Bereich der sog. „Hilfen zur Erziehung“ ähnlich sind: Die Kosten drohen bzw. drohten in beiden Jugendämtern vollkommen aus dem „Ruder zu laufen“. In Steglitz-Zehlendorf sind es jährlich rund 20 Millionen Euro die in ambulante und stationäre Erziehungs- und Familienhilfen fliessen. (Das ist ungefähr die Summe, die man braucht um rund 450 Sozialarbeiter*innen ein Jahr lang zu finanzieren….).

a:pfl im Grazer Sozialraum 4

a:pfl im Grazer Sozialraum 4

Die Kolleg*innen aus dem Jugendamt Graz beschreiben die Eckpunkte ihres Arbeitsmodells auf ihrer Website: „In „Sozialraumteams“ arbeiten die Fachkräfte des Jugendamtes und der freien Träger der Jugendwohlfahrt zusammen. Die Fachkräfte des Jugendamtes erarbeiten mit den KlientInnen die jeweiligen Ziele und bringen diese in das Sozialraumteam ein. Dort gestaltet das Team die jeweilige Maßnahme bzw. berät gemeinsam mögliche Lösungsvorschläge. Steuerungsverantwortlich für die Jugendwohlfahrtsarbeit im Sozialraum sind die jeweilige Sozialraumleitung (= Jugendamtsleitung für den jeweiligen Sozialraum) und die/der KoordinatorIn des Schwerpunktträgers (= Hauptansprechpartner für die Fachkräfte des Jugendamtes). Sie sind verantwortlich für die inhaltliche Arbeit, aber auch für die Budgetsteuerung und das Controlling im Sozialraum.(…) Der Fokus der Finanzierung liegt auf Zielerreichung bzw. Fallbeendigung und nicht mehr auf Länge und Anzahl der erbrachten Hilfen.“

Auf diese Weise entstehen neue Ideen, Lösungen, neue Angebotsformen, neue Projektformate. Wer ein paar Beispiele sehen möchte kann das u.a. auf den Internetseiten von zwei Trägern machen, die wir besucht haben: Der Träger „alternative:pflegefamilie gmbh“ – kurz a:pfl – überzeugt mit sozialräumlicher Familienarbeit (www.pflegefamilie.at); der Träger „Jugend am Werk“ (www.jaw.or.at) deckt eine breite Palette sozialarbeiterischer Abngebote ab – von Ausbildungsangeboten für Jugendliche über Beratungs- und Begleitungsprojekte bis hin zu Wohnprojekten.

Vor Ort zu sehen, wie professionell und selbstbewusst und auf fachlich höchstem Niveau die Kolleginnen und Kollegen dieses Projekt leben war beeindruckend. Und auch die Ergebnisse sind es. Eine unabhängige Evaluation hat ergeben: Mehr als 4 Millionen €  weniger Ausgaben im Bereich der Hilfen zur Erziehung in den letzten vier Jahren – bei gleichzeitiger Verbesserung der Ergebnisse der sozialpädagogischen Arbeit. 84 % der Klientinnen und Klienten sind nach Beendigung der Hilfen nicht mehr auf weitere Unterstützungsmaßnahmen des Jugendamtes angewiesen gewesen. Nur knapp 40%  waren es vor dem Modellprojekt – also unter den alten, „klassischen“ Bedingungen.

Ich freue mich auf den Start der  „SRL-Arbeit“ in unserem Bezirk (SRL = sozialräumliche Leistungen) und  bin gespannt, wie sich das Modellprojekt in Steglitz-Zehlendorf entwickeln wird – und ich bin froh, stolz und glücklich darüber, dass das Stadtteilzentrum Steglitz als einer der drei „Innovationsteam-Träger“ an der Umsetzung dieses wegweisenden Jugendhilfeprojektes mitwirken darf.

Weitere Informationen zum Modellprojekt Sozialraumorentierung / -budget in Graz findet Ihr, wenn Ihr Euch diese Links anseht:

Empfehlungen zur Sozialraumorientierung in Graz – Vortrag Dr. Hinte PDF
Positionspapier (PDF)
SiO Sozialarbeit in Österreich. Zeitschrift für Soziale Arbeit, Bildung und Politik, Sondernummer 1/12 (2 MB!)
Glossar zur Sozialraumorientierung
Häufig gestellte Fragen zur Sozialraumorientierung
Zwischenbericht 2012
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Seit November 2013 schreibe ich wöchentlich an meinem “Geschäftsführer-Tagebuch”. Warum ich das tue, könnt Ihr lesen, wenn Ihr H I E R klickt. Ich freue mich, wenn Ihr die Beiträge interessant findet und Ihr sie über Eure Kanäle (Facebook, Twitter  und Co.) teilt und verbreitet!

Kinder sterben – auch, weil Sozialarbeiter schlecht ausgebildet sind.

In einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ äußert sich Prof. Wolfgang Hinte, „Vater“ der Sozialraumorientierung und Vorstandsmitglied des Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit, über Ursachen und  notwendige Konsequenzen aus dem Tod der kleinen Zoe aus Weissensee. Die Ausbildung der Sozialarbeiter sei schlecht, da praxisfern. Die Finanzierungs- und Controllingstrukturen in der Jugendhilfe ungeeignet. Sein Fazit: „Wir brauchen ein Finanzierungssystem, das Träger belohnt, die Problemfamilien so frühzeitig „bearbeiten“, dass teure Hilfekarrieren gar nicht entstehen. Problem: Das Jugendamt darf in einer frühen Phase für das Kind noch keine Hilfe gewähren – erst wenn es „richtig arm dran“ ist. Und wir müssen die Konkurrenz aus dem „Hilfemarkt“ nehmen. Die passt allenfalls zum Profit-Sektor, aber nicht zum sozialen Bereich.“  Und: „Es mangelt  in Berlin an der Zusammenarbeit zwischen Ämtern und Freien Trägern. Und der Senat müsse Problemfamilien möglichst früh helfen – nicht erst, wenn überforderte Eltern ihren Kindern Gewalt antun.“

Das ganze Interview H I E R lesen….. (Link zur Berliner Zeitung vom 14.2.2012)

Hiiiiilfe !!!!!!!??????!!!!!!

Sehr dramatisch kam sie daher. Die Überschrift über dem Aufmacher der neuen Samstags – Beilage des „Tagesspiegels“ am 20.08.! „Mehr Berlin“…… und dann das…..!  Eine Journalistin, die sich aus welchen Gründen auch immer zwischenzeitlich über ihre Erfahrungen als Sozialpädagogin auslassen darf , breitet auf zwei Zeitungsseiten ihre Wahrnehmungen, Meinungen und ihr Halbwissen über die Struktur der Hilfen zur Erziehung nach dem KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) aus. Oberflächlich. Weitergehend frei von Faktenwissen. Auf BILD-Zeitungsniveau. Den ganzen Artikel gibt’s hier zu lesen….. Ich habe überlegt, ob ich dazu was schreiben sollte. Denn das was da am Samstag und heute (am 23.08.2011) in der Zeitung geschrieben stand ist furchtbare und und unsachgemäße Stimmungsmache gegen freie Träger im Jugendhilfebereich. „Schwarze Schafe“, die es  überall gibt, müssen herhalten für eine pauschale Diskriminierung der wichtigen und schwierigen Arbeit der Träger der sozialen Arbeit.

Ich war sehr froh, dass es ich nichts schreiben muss. Denn diese Arbeit hat Oswald Menninger, der Geschäftsführer des Berliner DPW schon erledigt. Seinen offenen Brief an die Chefredakteure des Tagesspiegel möchte ich hier dokumentieren – und ich hoffe auf rege Diskussionen zu diesem Thema!

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Offener Brief an die Tagesspiegel-Redaktion 23. August 2011

„Sehr geehrter Herr Maroldt,  sehr geehrter Herr Cassdorf,

der journalistische Grundsatz, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen ist, wie ihn der Tagesspiegel lange Zeit gepflegt hat, ist  im Artikel „Familien-HILFE! vom 20. August in Bezug auf die freien Träger leider nicht eingehalten worden.

Der PARITÄTISCHE Berlin setzt sich als Dachverband von circa 200 Jugendhilfeträgern seit mehr als sechs Jahren dafür ein, die fallbezogene Finanzierung von Erziehungshilfen in ein Sozialraumbudget für die Jugendhilfe einzubinden, um knappe Ressourcen fachlich noch effektiver einzusetzen und den ökonomischen Anreiz „mehr Fälle=mehr Geld“  aus dem Finanzierungssystem für Hilfen zur Erziehung herauszunehmen.

Nach vielen Gesprächen mit Senatsvertretern und Abgeordneten haben wir erreicht, dass unser Vorschlag, eine Budgetsteuerung der Jugendhilfe in zwei Bezirken zu testen, im Abgeordnetenhaus im Jahr 2008 beschlossen worden ist. Leider hat das Land Berlin bis heute nichts dazu getan, diesen Beschluss umzusetzen. Darüber findet sich in dem Artikel nichts.

Der Verband ist weiter an dem Thema dran: Beispielsweise sind der Jugendhilfereferent und zwei Trägervertreter im österreichischen Graz gewesen, um den dort praktizierten Ansatz eines Jugendhilfebudgets zu begutachten und in Bezug auf die Übertragbarkeit auf die Berliner Situation zu überprüfen.

Ferner ist es uns gänzlich unverständlich, wie es eine seriöse Tageszeitung zulassen kann, dass eine Redakteurin anhand eines Falles einen ganzen Berufsstand verunglimpft! Die Fachkräfte der freien Wohlfahrtspflege leisten mit ihrer Arbeit jeden Tag einen unverzichtbaren Anteil zum sozialen Zusammenhalt in dieser Stadt. Hierfür verdienen sie unseren Respekt!

Beide  Artikel zu HZE vom 20. und 23. August strotzen vor inhaltlichen Fehlern und lassen die journalistische Sorgfalt vermissen, wie sie vom Tagesspiegel zu erwarten ist.

Der Artikel vom 20. August stützt sich auf Sachverhalte bei einem  anonymen Träger, von dem aus Pauschalaussagen abgeleitet werden, die  für alle Träger in Berlin und der Bundesrepublik Gültigkeit haben  sollen. Dies ist methodisch mehr als fragwürdig.

Ein grober handwerklicher Fehler ist unterlaufen, wo Statistik die Aussagen untermauern soll: Die abgedruckte Jugendhilfe- Statistik legt nahe, dass die Kosten für Hilfen zur Erziehung enorm gestiegen  seien. Die Steigerungen sind aber vor allem durch die Kita-Kosten  verursacht und nicht durch die Hilfen zur Erziehung. Die Kosten für  die Hilfen zur Erziehung sind keineswegs in den letzten Jahren explodiert – weder bundesweit noch in Berlin.

Richtig ist, dass nahezu alle Berliner Bezirke die Haushaltsansätze für HzE überziehen – weil die Ansätze nicht den realen Erfordernissen  sondern haushalterischem Wunschdenken entspringen. Der große Cut beim  Berliner Jugendhilfebudget in den Jahren 2003 und folgende hat zu  einer Minderung der Fallzahlen bei Hilfen zur Erziehung geführt, die   fachlich nicht zu begründen ist. Seit 2005 steigen die Fallzahlen  wieder an und haben jetzt den Level von 2002 überschritten. Kein Wunder – die soziale Lage von Kindern, Jugendlichen und Familien hat  sich in den letzten 10 Jahren nicht verbessert. Im Gegenteil. Die  Anzahl der Familien mit gehäuften Risikolagen nimmt zu.

Bereits der Stadtstaatenvergleich von 2007 hat gezeigt, dass Berlins HZE-Ausgaben pro Fall erheblich niedriger liegen als in Hamburg oder  Bremen – obwohl die sozialen Belastungen der Familien nirgendwo so  umfassend sind wie in Berlin.
Der Spardruck auf die Jugendhilfeträger ist enorm: Heute haben wir mehr  HZE-Fälle als im Jahr 2002 – aber den freien Trägern stehen über 40   Millionen weniger als 2002 zur Verfügung (450 zu 408)! Trotz  Kostensteigerungen in allen Ausgabenbereichen.

In ihren Artikeln finden sich viele Argumente, die staatlichen Aufgaben  und Verantwortlichkeiten auszuweiten. Die unkritische etatistische  Sicht ist eine Berliner Besonderheit, die im überdimensionierten  öffentlichen Dienst in Berlin ihre Basis hat. Wenn die freien Träger  sich angeblich das Geld selbst bewilligen, wie Bürgermeister  Buschkowski  nahelegt, darf die Frage erlaubt sein, wofür das Bezirksamt eigentlich bezahlt wird.

Das sind Fakten, die in den Artikeln nicht genannt werden!

Auch der Artikel vom 23. August enthält grobe inhaltliche Fehler. Ein Beispiel: „Die Kosten für die Heimerziehung sind dabei nicht das Problem.
Dafür müssen die zwölf Bezirke weniger zahlen als gedacht. Es sind die stationären Hilfen, die das Budget der Jugendämter strapazieren.“ Es ist aber so, dass Heimerziehung und betreutes Wohnen  stationäre Hilfen sind. Was also wollen die Verfasser sagen?

Sehr geehrter Herr Maroldt, sehr geehrter Herr Casdorff, es wäre der Sache und dem journalistischen Anspruch des Tagesspiegel angemessen, den PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Berlin, unter dessen Dach fast 50.000 Fachkräfte und zehntausende Ehrenamtliche wirken, zu diesem wichtigen Thema anzuhören und den benannten kritischen Punkten eine Stimme zu geben.

Mit freundlichem Gruß
Oswald Menninger, Geschäftsführer“