arbeiten im Corona-Modus, 5. Woche: Führungsfragen.

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Anfang der Woche entspann sich eine interessante Diskussion mit einer Kollegin aus unserem Leitungsteam. Die Frage stand im Raum, was wir als Leitungskräfte eigentlich damit machen, wenn wir „plötzlich“ mitkriegen, dass die Dinge auch ohne unser zutun ziemlich gut laufen. Oder anders gefragt: Braucht es uns noch? Und wenn ja: Wofür auf jeden Fall nicht mehr?

Schon seit einiger Zeit sind wir auf dem Weg zur „agilen Organisation“. Wir gehen kleine Schritte, diskutieren mit unseren Teams – zunächst im Bereich Kindertagesstätten – über ideen und Ansätze aus „Reinventing Organizations“ von Frederik Laloux, gucken in die Niederlande zu Buurtzorg, lernen in Seminaren etwas über agile Führung und Kulturwandel in Unternehmen. Und sind stets bemüht, alle mitzunehmen, das System nicht zu überfordern und  Entwicklungen behutsam und vorsichtig zu gestalten.  Und dann kommt Corona.

Der Virus hat unserer Art zu arbeiten massiv beeinflusst, möglicherweise wird er sie nachhaltig verändern. Der kleine Feind zwingt uns zu Einrichtungssschliessungen und zu persönlicher Distanz, er fordert uns auf allen Ebenen des menschlichen Seins heraus und zwingt uns, alles in Frage zu stellen, was uns lieb und teuer geworden ist in der sozialen Arbeit mit Menschen, die uns anvertraut wurden oder sich uns selbst anvertraut haben. Wir haben rekordverdächtig schnell neue Angebotsformate entwickelt und uns nach Kräften bemüht unseren Rückstand beim digitalen arbeiten und kommunizieren aufzuholen. Und wir mussten anerkennen, dass in einer solchen Zeit,  das Unvorhersehbare und das nicht-planbare bestimmt, wie und woran wir arbeiten. Die Art wie wir zusammenarbeiten wird massiv beeinflusst, ja fast schon transformiert. Der Virus beschleunigt  unsere Entwicklungen und Prozesse hin zu einer digitalen, agilen Organisation geradezu zeitraffermäßig. Selbstverantwortung, Selbstorganisation, agile Arbeitsweisen, agile Führung: wir lernen gerade im Turbogang. Und wir ahnen: Wir werden nach der Krise nicht mehr die gleiche Organisation sein wie vor der Krise. Wir können und werden nicht mehr so weitermachen, wie vor der Krise. Und wir haben noch einige offene Fragen.

Die oben bereits zitierte Kollegin hat eine solche offene Frage sehr konkret formuliert: Sie hat den Eindruck, dass die Dinge in ihren Teams hervorragend laufen, die ihr zugeordneten Projektleitungen machen einen  super Job und brauchen aktuell kaum Steuerung oder Leitung – eher Austausch und Information. Und auch das klappt im Wesentlichen auch ohne die Hierachieebenen darüber. Und den Gedanken weitergedacht: Wofür brauchen wir dann in einer agileren Organsiation noch Bereichsleitungen? Was ist deren Aufgabe? Ist das eine sinnvolle Stelle? Und für welche (anderen) Aufgaben liesse sich diese Ressource und die Kompetenz sinnbringender nutzen?

Corona als „Reflektions-Booster“

Diese Fragen lösen natürlich auch bei mir Gedanken aus: Wozu braucht es den Geschäftsführer? Womit beschäftige ich mich eigentlich den ganzen Tag (und das in einer Zeit, in der es noch nicht einmal mehr Sitzungen und Gremien gibt, die den Arbeitstag ausfüllen) ? Was wären die wichtigen strategischen Aufgaben, um die ich mich viel intensiver kümmern sollte und wie fülle ich diesen schönen Anspruch „weniger im Unternehmen, mehr am Unternehmen zu arbeiten“?  Ich fange an zu begreifen, dass ich mich in der Vergangenheit sehr bereitwillig auf Aufgaben und Themen eingelassen habe, die zwar überwiegend interessant und meistens sogar relevant waren – bei denen es sich aber nicht wirklich  um „Geschäftsführer-Aufgaben“ handelt. Und wahrscheinlich bremse ich dadurch die Entwicklung unserer Organisation hin zu einem agileren Unternehmen stärker, als mir tatsächlich bewusst ist.

Das sind jetzt tatsächlich keine wirklich neuen Erkenntnisse – aber ich ich bin doch mitunter immer mal wieder überrascht davon, wie schnell und offenbar bereitwillig ich mich auf eine Art zu arbeiten einlasse, die meinem eigenen Anspruch an Führung und meine Rolle im „Führungsprozess“ nicht wirklich gerecht wird. Corona ist da auch eine Art „Reflektions-Booster“ für mich. Und offenbar auch für ein paar andere Menschen in unserer Organisation…….

Frederik Laloux hat die Frage nach der Aufgabe von Führungskräften in einem transformierten Unternehmen in einem Interview sehr interessant  beantwortet:  „Die Führungskräfte solcher Organisationen verstehen die Organisation selbst als ein lebendiges System, ein lebendiges Wesen, wie ein Ökosystem. Und wie jedes lebendige Wesen hat es seine eigene Daseinsmotivation, Energie, Ausrichtung und Kraft. Oder spirituell gesprochen, etwas, das diese Organisation in dieser Welt zur Evolution beizutragen hat, einen Existenzsinn. Die Rolle des Leiters ist dann, genau zuzuhören, wohin dieses Unternehmen von selbst gehen will, wohin es gerufen wird. Das ist eine fundamental neue Haltung. Diese Organisationen entwickeln dann Praktiken, wie man diesem lebendigen Wesen zuhören kann.

Das ist ein ganz schönes Modell, das sich angenehm abhebt von anderen (auch richtigen) Beschreibungen von Kern- und Hauptaufgaben von (Geschäfts-) Führenden…… Ich mach mich dann mal auf den Weg. Ich muss ein paar neue Dinge lernen. Ein paar neue Erfahrungen sammeln und gute Fehler machen.

 

 

Ein Gedanke zu “arbeiten im Corona-Modus, 5. Woche: Führungsfragen.

  1. Hi, Thomas, mir geht’s in meiner Funktion als GF meines ambulanten Pflegedienstes ähnlich: Ich kann große Teile meiner Arbeit im Homeoffice erledigen, und es genügt anscheinend, wenn ich 2 – 3 mal pro Woche für ein paar Stunden im Büro den Papierkram erledige. Aber ich befürchte, dass das auch zu Reflexionsmängeln führen kann, weil ich die „kleinen Dinge“ im Betriebsalltag nicht mehr sehe und diese dem Blick und der Beurteilung des GF nicht mehr ausgesetzt sind. Und der hat nun mal durchaus andere Kriterien im Kopf als die anderen FunktionsträgerInnen. Es kann sein, dass sich Entwicklungen ergeben, die meiner Wahrnehmung infolge meiner Abwesenheit entgehen, und keine gute Richtung nehmen. Noch habe ich allerdings keine Anzeichen dafür erkennen können.
    Herzliche Grüße von Hanfried

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